COLUMBUS Magazin 2024 Frühjahr

POR TRÄT

Alex Atala sieht so aus, als würde er mit Krokodilen kämpfen. Tatsächlich macht er ihnen nur das Futter abspenstig – um an die Zutaten seiner gefeierten brasilianischen Sterneküche zu gelangen. MEHR ALS NUR REZEPTE AUS DEM DSCHUNGELBUCH

W enn man so will, ist eine alte Indianerin dafür verantwort- lich, dass Alex Atala nicht nur zu einem der besten Köche der Welt aufgestiegen ist, sondern im „Time“-Magazin 2013 sogar unter den „100 einflussreichsten Menschen der Welt“ gelistet wurde. Und zwar in der Kategorie „Künstler“, gleich neben Steven Spielberg und Christina Aguilera. Aber zurück zur Indiane- rin, die ihm vor gut 20 Jahren irgendwo im Norden Brasiliens eine Suppe vorsetzte, de-

irgendwie über Wasser halten zu können. Um eine langfristige Arbeitserlaubnis zu erhalten, sieht Atala schlussendlich nur eine Möglich- keit: Er schreibt sich in die belgische Koch- schule Namur ein. Alles Weitere geht runter wie Öl: Der junge Brasilianer fängt ob der neuen Chancen regelrecht Feuer, arbeitet in den spannendsten Sterneküchen Europas, bis er den großen Ferran Adrià, Spaniens Mole- kularstar, kennenlernt. Dieser rät ihm, sich nicht etwa auf die europäischen Küchen zu fokussieren, sondern stattdessen die kaum

ren Geschmack Atala vom ersten Löffel an faszinierte. Welche Gewürze sie denn ver- wenden würde, wollte er wissen. „Ameisen“, sagte die Indiane- rin. „Nur Ameisen aus dem Dschungel.“ Heute noch erzählt Alex Atala gerne von diesem Schlüssel- moment, der ihm

existente brasiliani- sche Küche zu verfei- nern. „Ferran hat mir die Augen geöffnet“, sagt Atala rückbli- ckend, zumal er den Rat alsbald befolgt – und 1999 sein erstes Restaurant D.O.M. in São Paulo eröffnet, das alsbald zum besten Restaurant Südameri- kas aufsteigt.

„Durch diese Art der Lebensmittelproduktion werden hier ganze Landstriche regelrecht sterilisiert!“

schlagartig eine neue Sicht auf die Kochwelt beschert hatte. Denn bis zu jenem Suppen- moment hatte im Grunde nichts darauf hin- gedeutet, dass der heute 55-Jährige zu einem international gefeierten Koch und Brasiliens Nationalheld Nummer eins aufsteigen würde. Ganz im Gegenteil. Alex Atala wird 1968 als Milad Alexandre Mack Atala in der Zwölf-Millio- nen-Metropole São Paulo geboren und inte- ressiert sich vorerst nur für Plattenteller. Als DJ tingelt der 18-Jährige erst durch Brasiliens Underground-Clubs, ehe es ihn nach Europa verschlägt. Als Tellerwäscher nähert er sich hier zumindest einmal der Küche an, um sich

WELTVERBESSERER ALS TRAUMJOB Die Gründe für den grenzenlosen Erfolg die- ses ungewöhnlichen Chefs sind allerdings kei- neswegs nur in seinem kulinarischen Können begründet. Vielmehr ist es sein Blick über den Tellerrand, der aus dem einstigen DJ einen weltweit als Keynote-Speaker gefragten Welt- verbesserer gemacht hat. So war der eingangs beschriebene Ameisenmoment nicht bloß aus- schlaggebend für die außergewöhnlichen Zu- taten – wie etwa den riesigen Amazonas-Fisch Pirarucu – die Alex Atala seit damals höchst- selbst aus dem Amazonas-Regenwald angelt. Vielmehr hat ihn die damit einhergehend täg-

Alex Atala gilt in der Kochwelt als Schwergewicht. Doch in seiner Heimat Brasilien machte ihn ein ganz anderer Aspekt zum gefeierten Nationalhelden.

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