Nanuk's Christmas Stories

Ein Hauch von Zimt und Eis 3

Skizzenbuch zu zeichnen, während ein junger Eisbär aus sicherer Entfernung zusah. Kodas Atem stieg in kleinen Wolken auf, als er nähertrat, seine großen Pfoten sanken lautlos in den pulvrigen Schnee. Liannas Stille faszinierte ihn; im Gegensatz zu den anderen, die sich beeilten und riefen – immer beschäftigt mit ihren seltsamen Instru- menten und Messgeräten – , schien sie zuzuhören: dem Eis, dem Wind und vielleicht sogar ihm. Ihr Duft war seltsam, aber beruhigend, Koda hatte diesen Duft noch nie gerochen – der Geruch von Zimt stieg von ihrem Tee auf. Er glaubte, dass sie seine Heimat anders ansah, als ob sie die Geschichten spüren könne, die das Eis zu erzählen hatte. Lianna, so konzentriert auf ihre Zeichnung des sich bewegenden Meereises unter ihr, bemerkte ihren neuen Bewunderer nicht. Langsam und vorsichtig setzte Koda seine großen Pfoten nach vorne. Das Eis knackte kaum hörbar unter seinem Gewicht. Lianna, konzentriert auf die feinen Linien ihrer Skizze, bemerkte ihn erst, als sie aufblickte, um ihren steifen Nacken zu entlasten. Ihre Augen weiteten sich, und ihr Atem bildete kleine Wolken in der kalten Luft. „Hallo, du“, sagte sie leise mit einem Lächeln. Ihre Blicke trafen sich – ihrer voller Staunen, seiner voller Neugier. Für einen Herzschlag schienen die Grenzen von Spezies, Sprache und Welt zu verschwimmen. Liannas Finger zuckten, als wolle sie den Abstand zwischen ihnen verringern. Doch sie wusste es besser. „Was machst du hier? Suchst du auch nach etwas?“ flüsterte sie, ihre Stimme kaum hörbar. Koda blinzelte langsam, als wollte er „ja“ sagen, als ob sie beide Wanderer wären, die in derselben weiten, schönen Welt verloren gingen. Koda neigte den Kopf, seine Ohren zuckten. Neugier brannte in ihm, ein innerer Drang, die Welt der Menschen zu verstehen. Sie schienen oft unruhig, doch diese Frau war anders. Sie saß ruhig, als ob sie das Eis unter sich beobachtete – er sah ihr dabei zu. Koda fragte sich, ob sie das Eis hören konnte, die alten Geschichten der Arktis. Etwas an ihr war anders, aber bevor Koda herausfinden konnte, was sie so besonders machte, geschah es.

NANUK’S CHRISTMAS STORIES

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