Nanuk's Christmas Stories

3 Ein Hauch von Zimt und Eis

Plötzlich vibrierte ein tiefer Klang durch den Boden – das melancholische Lied der Buckelwale. Es war ein ferner Ruf, ein Echo alter Geschichten, die aus den Tiefen des Ozeans emporstiegen. Koda stellte die Ohren auf, sein Herz schlug schneller. Die Wale waren zurückgekehrt, und ihr Lied war ein Ruf, dem er folgen musste. Seine Mutter hatte ihm von den Buckelwalen erzählt und nicht jeder Bär konnte sie hören oder sehen. Koda wusste, dass Menschen die Lieder der Buckelwale oder die des Eises nicht hören konnten. Aber vielleicht fand diese Frau ihren Weg, sie schien den richtigen Pfad zu kennen. Koda kratzte mit seinen langen Krallen über das Eis. Lianna spürte seine Anspannung, als ob Ihn etwas von Ihr fort ziehen würde. „Musst du gehen?“ fragte sie, ihre Stimme trug einen Hauch von Sehnsucht. Koda stellte sich auf seine Hinterbeine und schnupperte in die Luft, er konnte ihren Tee und ihr Parfüm riechen, den Zimt. Und bevor er es wusste, drehte sie sich um und griff nach ihrer Kamera, um sein Bild zu machen. Koda sah sie an, ihre Blicke trafen sich in einem stillen Moment des Verstehens. In seinen klaren, tiefen Augen spiegelte sich der Mond. Dann drehte er sich um, legte seine Pfoten auf das Eis, sein Körper verschmolz mit der weißen Landschaft, als er sich entfernte. Sein Atem war in der kalten Luft sichtbar, als er einen Schritt machte, dann einen weiteren, denn der Ruf der Buckelwale wurde stärker. Lianna beobachtete ihn, bis er in der Welt des Eises verschwand. Ein bittersüßer Schmerz erfüllte sie – die Schönheit eines Treffens, das nur einen Moment dauerte, aber ein Leben lang nachhallte. Sie holte ihr Skizzenbuch heraus und fügte eine zarte Linie hinzu: die Silhouette eines Eisbären, der in die Unendlichkeit des Eises wanderte.„Vielleicht“, flüsterte sie, „werden wir uns wiedersehen und du kannst mir deine Geschichte erzählen.“

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NANUK’S WEIHNACHTSGESCHICHTEN

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