Forschungsarbeit Jugendinformation

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KAPITEL 1

Einleitung

Ein zentrales Ziel der Jugendphase ist es, zu einem eigen- ständigen und aktiv partizipierenden Mitglied der Gesell- schaft zu werden. Junge Menschen sollen lernen, sich im sozialen Umfeld einzubringen, eigene Bedürfnisse und gesellschaftliche Erwartungen auszubalancieren und Ver - antwortung für das eigene Handeln zu übernehmen (BMFSFJ 2019: 9). Doch das Aufwachsen und die Anforde- rungen an junge Menschen werden mit der sich stetig ver- ändernden Umwelt immer komplexer. Die Welt und das Zusammenleben sind geprägt durch den Prozess der Glo- balisierung – einer zunehmenden politischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Vernetzung zwischen Regionen und Ländern (Gerhards et al. 2014: 7). Ob Bil- dung, Arbeit, Gesundheit usw. – internationale Zusam- menhänge spielen in immer mehr Bereichen des Alltags eine Rolle. Die verbreitete Nutzung des Internets und der sozialen Medien macht außerdem globale Ereignisse und deren Zusammenhänge mit der eigenen Lebensrealität sichtbarer und spürbarer. In einer globalisierten Welt auf- zuwachsen bedeutet, diese globalen Zusammenhänge zu erkennen. Ein wesentlicher Teil davon ist zu verstehen und anzuerkennen, dass das individuelle Handeln über das unmittelbare Umfeld hinaus Auswirkung hat und dafür Verantwortung zu übernehmen (Michels 2008: 4). Damit sich junge Menschen aktiv in der globalisierten Gesell- schaft bewegen und sie mitgestalten können, ist es wich- tig, die Entwicklung entsprechender Kompetenzen zu för- dern (BMFSFJ 1 2019: 10). Vor diesem Hintergrund haben die Europäische Union (EU) und die Bundesrepublik Deutschland pädagogisch gerahmte Auslandsaufenthalte, sogenannte internatio- nale Lernmobilität, als wesentliches Instrument erkannt, um junge Menschen auf die Anforderungen der globali- sierten Gesellschaft vorzubereiten (vgl. BMFSFJ 2005; Euro- päische Kommission 2009). Auslandsaufenthalte und internationale Begegnungen als Bildungsräume fördern 1 Die Masterarbeit wurde im Jahr 2024 eingereicht. Zu diesem Zeitpunkt trugen die beiden Bundesministerien die Namen "Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ)" bzw. "Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)". Seit dem Regierungswechsel im Jahr 2025 tragen sie die Namen "Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ)" sowie "Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR)".

interkulturelle Kompetenzen, erweitern berufliche Pers - pektiven und stärken soziale Teilhabe. Der individuelle und gesellschaftliche Mehrwert von internationaler Jugendmo- bilität ist durch umfangreiche Forschungsprojekte belegt worden (vgl. IJAB, FPD 2021). Diese zeigten aber auch, dass nicht alle jungen Menschen gleichermaßen von solchen Lernerfahrungen profitieren. So nehmen besonders junge Menschen aus formal hochgebildeten Milieus an solchen Programmen teil, während Personen mit formal niedrige- ren Bildungshintergründen häufig unterrepräsentiert sind. Diese Beobachtung wurde zuletzt mit einer breit angelegten Repräsentativbefragung in der sogenannten Zugangsstudie belegt (Becker, Thimmel 2019c). Das Ziel, allen jungen Menschen internationale Lernerfahrungen zu ermöglichen, bleibt bislang unerreicht (BMFSFJ 2019: 148). Die Zugangsstudie zeigt aber auch: Es liegt nicht am man- gelnden Interesse der Jugendlichen. Dieses ist über alle Lebenswelten und sozioökonomischen Merkmale hoch (Borgstedt 2019: 66). Als einen zentralen Grund für die ungleichen Teilhabe- chancen beschreiben die Autoren der Zugangsstudie ein breites Informationsdefizit. Viele junge Menschen kennen ihre Mobilitätsmöglichkeiten nicht und können somit auch keine fundierte Entscheidung darüber treffen, ob und wie sie an Lernmobilität teilnehmen möchten. Fehlendes Wissen und mangelnde Erfahrungen führen zu Vorurteilen und falschen Annahmen über internationale Lernmobili- tätsangebote und darüber, an wen sich diese richten. Diese existieren nicht nur bei jungen Menschen, sondern auch in ihrem sozialen Umfeld. Das beeinflusst die Wahrnehmung von Lernmobilität und kann den Zugang dazu zusätzlich erschweren (vgl. Abt 2019). Denn zu den wichtigsten Infor- mationsquellen für Lernmobilität zählen das nahe Umfeld – Familie, Freund*innen – sowie besuchte Einrichtungen wie Schulen, Betriebe und lokale Jugendarbeit. Hat dieses Umfeld wenig Berührungspunkte mit der Mobilitätsthe- matik bzw. existieren falsche Annahmen darüber, hat das erheblichen Einfluss auf die individuelle Teilnahmechance. Gerade bei in der Lernmobilität bisher unterrepräsentier- ten Jugendlichen von Haupt-, Real-, Förder- oder Berufs- schulen ist dies der Fall, wodurch ein reproduzierender Kreislauf entsteht: Fehlende Mobilitätsnähe verhindert

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