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KAPITEL 2
Internationale Lernmobilität
2.1 Der Mobilitätsbegriff Bildungsmaßnahmen mit internationalem Bezug werden in Forschung und Praxis durch eine Vielzahl an Begriffen beschrieben, die jeweils unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Viele greifen das Wort „Mobilität“ auf. Gängig sind beispielsweise Bezeichnungen wie „Mobilität zu Lernzwe- cken“, „Jugendmobilität“, „internationaler Jugendaus- tausch“ oder „bildungsbezogene Auslandsaufenthalte“ (Europäische Kommission 2009; Hemming et al. 2019; IJAB, FPD 2021; Weichbrodt 2014b). „Mobilität“ hat sich seit den 2000er Jahren als Oberbegriff für Auslandsaktivitäten im Bildungssektor etabliert. Die Verbreitung des Begriffs wurde maßgeblich durch seine Verwendung auf europäischer Ebene geprägt (Thimmel, Schäfer 2021: 101). So deklarierte die Europäische Kommis- sion 2009 Mobilität zu Lernzwecken als wichtige Maß- nahme zur Verbesserung der beruflichen Chancen junger Menschen sowie zur Steigerung des Humankapitals in Europa (Europäische Kommission 2009). Mobilität wurde somit zu einer Schlüsselkompetenz in der globalisierten Arbeitswelt ernannt. Allerdings wird diese Verortung von Jugendmobilität im ökonomischen Sektor sowohl in der Forschung als auch in der Praxis diskutiert und kritisiert. So würde Bildung auf die Vermittlung von Kompetenzen reduziert werden, die für den Arbeitsmarkt von Nutzen seien, während wichtige emanzipatorische und demokrati- sche Bildungsziele in den Hintergrund rücken (Thimmel, Schäfer 2021: 101-102).
Das Aufwachsen in Deutschland bietet jungen Menschen vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten und Freiheit zur indi- viduellen Lebensführung. Gleichzeitig ist dieser Lebensab- schnitt geprägt durch einen immer längeren Bildungs- und Qualifizierungsprozess, der zunehmend komplexe Anfor - derungen mit sich bringt. Diese umfassen auch die Fähig- keit, sich kompetent und verantwortungsvoll in globalge- sellschaftliche Prozesse einzubringen (Hemming et al. 2019; Villányi, Witte 2013). In diesem Zusammenhang gewinnt das Potenzial von Auslandsaufenthalten als Bil- dungs- und Entwicklungsort seit Jahrzehnten an Bedeu- tung. Internationale Lernmobilität umfasst pädagogisch gerahmte Auslandsaufenthalte zu Lernzwecken, die von verschiedenen Akteur*innen und Institutionen gestaltet und gefördert werden (Knoch et al. 2019: 5). Sie ist zu einem wesentlichen Bestandteil der schulischen, berufli - chen und außerschulischen Bildung geworden. Lernmobi- lität gilt als Chance, zu lernen, sich persönlich und beruf- lich weiterzuentwickeln und sich im interkulturellen Aus- tausch globale Perspektiven und Handlungsfähigkeiten anzueignen (IJAB 2016). In diesem Kapitel wird vorgestellt, wie internationale Lern- mobilität in Deutschland etabliert ist und welche Möglich- keiten jungen Menschen offenstehen. Außerdem wird betrachtet, welche Ziele mit der Förderung von Lernmobi- lität verfolgt werden. Zunächst wird jedoch der Mobilitäts- begriff näher beleuchtet, da er in Forschung und Praxis auch kritisch betrachtet wird.
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