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2.2 Angebote internationaler Lernmobilität
Ein weiterer Kritikpunkt an der Etablierung des Mobilitäts- begriffs ist die Gleichsetzung von Mobilität mit einer indivi - duellen und freien Entscheidung subjektiver Lebensgestal- tung. Migration als Form von Mobilität, die im öffentlichen Diskurs oft als problematisch betrachtet wird, sowie Flucht als Form unfreiwilliger Mobilität bleiben in diesem Begriffs - verständnis von Mobilität ausgeblendet. Die Auslassungen führen dazu, dass der Begriff Mobilität die komplexen Rea - litäten unzureichend erfasst (Dubiski et al. 2016: 303-304). 1 Vor diesem Hintergrund wird in der vorliegenden Arbeit der Begriff „Internationale Lernmobilität“ bevorzugt, um freiwillige internationale Bildungsaktivitäten im Ausland klar von anderen Mobilitätsformen abzugrenzen. Dieser Lernmobilitätsbegriff wird in einem breiten Sinne verstan - den, der neben ökonomischen auch soziale, kulturelle und politische Dimensionen einschließt (vgl. Kapitel 2.3). Auch wenn in dieser Arbeit andere Begrifflichkeiten wie Mobili - tät, Jugendmobilität oder Auslandsaufenthalt verwendet werden, erfolgt dies stets im Rahmen dieses Verständnis - ses. Vor diesem begrifflichen Hintergrund stellt sich die Frage, wie Lernmobilität in der Praxis umgesetzt wird und welche Strukturen in Deutschland existieren. Im Folgenden wird ein Überblick über die vielfältigen Mobilitäts- und Unter- stützungsangebote gegeben, die jungen Menschen in Deutschland zur Verfügung stehen.
Weltweit ist Deutschland eines der Länder, das jungen Menschen umfassende Angebote und Unterstützung im Bereich internationaler Lernmobilität bietet (Müller 2019: 9). Lernmobilitätsprogramme unterscheiden sich hinsicht- lich der Dauer des Aufenthalts im Ausland, ob Einzelperso- nen oder Gruppen teilnehmen und in der Anzahl der betei- ligten Länder. Es gibt außerdem unterschiedliche themati- sche Ausrichtungen und politische Schwerpunkte. 2 Zwar richten sich Lernmobilitätsangebote teilweise auch an Fachkräfte der Jugendarbeit und Jugendbildung, der Groß- teil der Angebote hat jedoch junge Menschen als primäre Zielgruppe (IJAB 2016: 4, 10). Diese Art der Lernmobilität ist auch im Fokus dieser Arbeit. Junge Menschen werden anhand der deutschen und europäischen Förderrichtlinien zu Lernmobilität durch die Altersspanne von 12 bis 30 Jahren definiert (vgl. Becker et al. 2021: 19; Europäische Kommission 2023: 524). In der pädagogischen Fachöffent - lichkeit hat sich beim Thema Lernmobilität eine struktur- bezogene Zweiteilung in den schulischen bzw. formalen und außerschulischen bzw. non-formalen Bildungsbereich etabliert – auch wenn es Formate gibt, die beiden Berei- chen zugeordnet werden können (Becker, Thimmel 2019a: 21). In der formalen Jugendbildung findet internationale Lern - mobilität in Deutschland in drei Kontexten statt: in der Hochschulbildung, der beruflichen Bildung sowie in der schulischen Bildung. So verbringen Studierende beispiels- weise ein Semester an einer ausländischen Universität, Auszubildende absolvieren Teile ihrer Ausbildung als Prak- tikum im Ausland und Schüler*innen nehmen an individuellen oder Gruppen-Schüler*innenaustauschen teil (Youth Wiki o. J.). Jährlich werden durch diese Initiativen zehntausenden jungen Menschen grenzüberschreitende Lernmobilitäten ermöglicht (vgl. Eurydice 2024). Der Zugang zu diesen Programmen ist für junge Menschen jedoch eingeschränkt, da sie bei der Teilnahme auf die Unterstützung der besuchten Institution angewiesen sind.
2 Zusätzlich können Lernmobilitätsmaßnahmen auch im eigenen Wohnland unter Beteiligung internationaler Akteur*innen stattfinden, Online-Aspekte haben oder komplett online stattfinden (vgl. Knoch 2022). Im Rahmen dieser Arbeit ist jedoch die grenzüberschreitende Mobilität im Fokus.
1 Eine ausführliche Übersicht zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Mobilitätsbegriff bieten Dubiski et al. (2016).
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