Forschungsarbeit Jugendinformation

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Auf europäischer Ebene ist seit den 2000er Jahren ein star- kes Interesse an Lernmobilität als bildungs- und arbeits- marktpolitisches Instrument zu beobachten. Als zentrale Ziele von Lernmobilität betont die EU demnach die Steige- rung der Beschäftigungsfähigkeiten junger Menschen sowie die Förderung des europäischen Zusammenhalts (Hemming et al. 2019: 64). In der nationalen Jugendarbeit wird Lernmobilität stattdessen als ganzheitliche Förde- rung junger Menschen betrachtet, die demokratische, sozial- und jugendpolitische Zielsetzungen in den Vorder - grund rückt (Dubiski et al. 2016: 304). Lernmobilität soll demnach in mehrdimensionaler Weise wirken. Gefördert werden schulisches und beruflich orien - tiertes Lernen: Junge Menschen erwerben Sprachkennt- nisse, berufliche Qualifikationen oder sammeln Leistungs - punkte für ihren Hochschulabschluss (Becker et al. 2021: 18; Europäische Kommission 2009). Über formale Lernergebnisse hinaus geht es um non-formale und informelle Lernprozesse, die zu persönlicher Entwicklung in Form von Selbstsicherheit, Identitätsbildung und Ver - trauen in die eigenen Fähigkeiten führen. Zentral ist zudem die Förderung interkultureller Kompetenzen. Junge Men- schen lernen in Lernmobilitätsmaßnahmen, sich auf eine neue Umgebung einzulassen, und Perspektivwechsel werden angeregt (Becker 2016: 319). Die Förderung von Toleranz, gegenseitigem Verständnis und Anerkennen sowie eines nachhaltigen Zusammenlebens ist zentrale Zielsetzung von Lernmobilitätsmaßnahmen (Thimmel 2021a: 338). Wesentlich ist dabei der Hintergrund einer zunehmenden Globalisierung. Europa und die vernetzte Welt erhalten immer größere politische und lebensweltliche Bedeutung in Deutschland (Gerhards et al. 2014: 7). Lernmobilitäts- maßnahmen ermöglichen Selbstwirksamkeitserlebnisse und machen die globalisierte Welt erfahrbar und versteh- bar (Becker 2019b: 2). Die Auseinandersetzung mit ande- ren Lebenswelten regt junge Menschen dazu an, ihre eigene Herkunft und Sozialisation kritisch zu hinterfragen und gleichzeitig Verständnis und Respekt für andere Kultu - ren zu entwickeln. Pädagogisch begleitete Auslandserfah- rungen schaffen Gelegenheiten, globale Zusammenhänge

zu erkennen und gemeinsame Lösungen für lokale und globale Herausforderungen zu finden. Junge Menschen sollen dadurch verantwortungsbewusstes Handeln lernen und sich als Bürger*innen einer globalen Gesellschaft ver- stehen (IJAB 2016: 6-7). Die Organisation für wirtschaftli- che Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) fasst dies als globale Kompetenz zusammen (Roczen, Kater-Wett- städt 2022: 4-5). Wenn junge Menschen in ihrem Handeln bestärkt werden, können sie wichtige Beiträge zu politi- schen Veränderungsprozessen leisten und demokratische Strukturen stärken. Darin erkennbar ist die Bedeutung von Lernmobilität als zentrales Instrument der nationalen Jugendpolitik und auswärtigen Kulturpolitik (Becker et al. 2021: 22-23; Thimmel 2021b: 710-711). Internationale Lernmobilität schafft somit Erfahrungs - räume, die nachhaltig sowohl zur persönlichen, bürger- schaftlichen als auch zur beruflichen Entwicklung beitra - gen. In Anbetracht dessen fasst die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) die Bedeutung von Lern- mobilität als Schlüsselaspekt für die gesellschaftliche Teil- habe junger Menschen zusammen: Die gesellschaftliche Teilhabe junger Menschen ist heute eng verknüpft mit der Befähigung, die globalisierte, internationali- sierte und europäisierte Lebenswirklichkeit mit dem persönli- chen, aber auch mit dem erweiterten politischen und gesell- schaftlichen Umfeld in Einklang zu bringen, sowie die Begrenzt- heit des eigenen Lebensraums zu überschreiten und die sich dadurch eröffnenden Entfaltungsmöglichkeiten nutzen zu können. Grenzüberschreitende Mobilität ist in diesem Sinne gleichbedeutend mit dem Recht auf gesellschaftliche Teilhabe. (AGJ 2010: 4) Lernmobilität ist ein Bildungsraum, zu dem alle jungen Menschen Zugang haben sollten. Ein übergeordnetes Ziel der Akteur*innen von internationaler Lernmobilität ist es dementsprechend, alle interessierten jungen Menschen zu erreichen und ihnen internationale Lernmobilitätserfah- rungen zu ermöglichen (Bruns, Neu 2021: 109). Im nächs- ten Kapitel wird erläutert, inwiefern der Arbeitsbereich dieses Ziel erreicht.

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