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KAPITEL 3
Die Zugangsperspektive zu internationaler Lernmobilität
3.1 Wer nimmt (nicht) teil? Allen jungen Menschen den Zugang zu internationaler Lernmobilität zu ermöglichen, ist das übergeordnete Ziel internationaler Jugendarbeit und Förderern wie dem Bund und der EU (BMFSFJ 2021; Europäische Kommission 2009). Dass dieses Ziel nicht erreicht wird, sondern bestimmte Gruppen unterrepräsentiert sind, ist seit geraumer Zeit bekannt. So fasste Thimmel 2013 seine Beobachtung zusammen: „Jugendliche und junge Erwachsene aus ‚bil- dungsfernen‘ Milieus, Schüler und Schülerinnen von Haupt- und Realschulen sowie Jugendliche mit Migrations- hintergrund sind selten Teilnehmende an Aktivitäten der internationalen Jugendarbeit.“ (Thimmel 2013: 141). Auch männliche Jugendliche seien im Vergleich zur gesamten Jugend in Deutschland deutlich unterrepräsentiert (Thomas 2010: 24). Gleichberechtigte Zugangschancen wurden in den letzten Jahren zu einem Diskussionsschwer- punkt in Praxis und Forschung. Das bisher größte Forschungsprojekt in diesem Bereich ist die interdisziplinär angelegte sogenannte „Zugangsstu- die“, welche sich umfangreich mit Teilnehmenden, Zugän- gen und Barrieren zu Angeboten der internationalen Jugendarbeit allgemein auseinandersetzt und erstmals einen repräsentativen Überblick über den Zugang junger Menschen zu Lernmobilität in Deutschland erstellte. Neben der Repräsentativbefragung von jungen Menschen aus Deutschland wurden im Rahmen der Studie u. a. Inter- views mit Nicht-Teilnehmenden, Fragebögen bisher unter- repräsentierter junger Menschen sowie Interviews mit Expert*innen ausgewertet (Becker, Thimmel 2019c).
In der deutschsprachigen Forschung hat sich internatio- nale Lernmobilität in den letzten Jahrzehnten als eigen- ständiges Forschungsfeld etabliert, das sowohl praxisrele - vante Studien als auch theoretische Beiträge hervorge- bracht hat (Thimmel 2021a: 336). Ein wichtiger Impuls des Forschungsfelds war lange Zeit die Legitimation der Sinn- haftigkeit von Lernmobilität und dem Arbeitsfeld der inter- nationalen Jugendarbeit. Deswegen stand insbesondere die Wirkungsforschung und Evaluation von internationa- len Programmen im Fokus (Ponte et al. 2021: 347; Hänisch et al. 2021: 11). Die bis heute bedeutendste Studie in diesem Bereich, „Erlebnisse, die verändern“, analysierte aus psychologischer Perspektive die langfristige Wirkung der Teilnahme an Kurzzeitprogrammen, wie Jugendbegeg- nungen, auf die Persönlichkeitsentwicklung. Die Ergeb- nisse belegten vom Arbeitsfeld intendierte Wirkungen und zeigten, dass eine Vielzahl dieser auch zehn Jahre nach der Teilnahmeerfahrung spürbar ist (Thomas 2013). Nachhal- tige positive Effekte wurden insbesondere in selbstbezo - genen Eigenschaften wie Selbstbewusstsein, -vertrauen und -sicherheit sowie in der Identitätsbildung festgestellt, bei sozialen Kompetenzen und der Offenheit und Flexibili - tät gegenüber ungewohnten Situationen (Thomas, Abt 2021). Weitere Studien belegten, dass ähnliche und weitere individuelle Wirkungsdimensionen auch in anderen For- maten internationaler Lernmobilität zu finden sind (vgl. Abt, Stumpf 2021; Fischer 2021). 1 Diese Studien gaben wichtige Impulse für die Weiterentwicklung des For- schungsschwerpunkts Internationale Lernmobilität. Denn neben Wirkungsdimensionen gaben Studien ebenfalls einen Einblick, wer überhaupt an internationalen Maßnahmen teilnimmt. So rückten bestehende Zugänge und Barrieren in den Vordergrund der Forschung (Müller 2019: 10). 1 Wirkungsdimensionen von internationaler Lernmobilität sind nicht nur auf die individuelle Ebene beschränkt. Auswirkungen auf Träger und Fachkräfte sowie die gesellschaftliche Wirkungserwartung sind ebenfalls Thema in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex. Einen umfangreichen Überblick gibt der Reader „Internationaler Jugendaustausch wirkt – Forschungsergebnisse und Analysen im Überblick“ (IJAB, FPD 2021).
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