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In der Repräsentativbefragung der Zugangsstudie wurden 2.380 junge Menschen im Alter von 14 bis 27 zu ihren Erfahrungen mit Lernmobilität befragt (Becker, Thimmel 2019b: 23). Diese belegt, dass zwei Drittel der jungen Men- schen Erfahrungen mit organisierten, pädagogisch gerahmten Auslandsaufenthalten haben. Davon nutzten 57% Angebote im formalen Bildungskontext und 42% Angebote der non-formalen Bildung. Ca. 31 % hatten Erfah - rungen in beiden Bereichen (Borgstedt 2019: 38). Mobili- tätserfahrene waren zum Zeitpunkt der Teilnahme mehr- heitlich 14 bis 17 Jahre alt, identifizierten sich als weiblich (61%), besuchten ein Gymnasium oder studierten. Zusätz - lich hielten sie sich weniger für arm und der Anteil junger Menschen von Eltern mit mindestens einem Hochschulab- schluss war unter Austauscherfahrenen ebenfalls deutlich höher als bei Personen ohne Mobilitätserfahrung. Formal hoch gebildete junge Menschen waren somit deutlich überrepräsentiert. Im Gegensatz dazu nahmen junge Menschen anderer Schulformen – Haupt-, Real- oder Berufsschulen – lediglich ein Viertel der Mobilitätsteilnehmenden ein. Das soziode - mografische Profil der Teilnehmenden zeigt, dass formal niedrig gebildete Menschen sowie männliche Teilneh- mende gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil unterre- präsentiert sind (Borgstedt 2019: 49; Ilg, Dubiski 2019: 126). Becker fasst zusammen: „Mit niedrigerem Bildungs- niveau, schlechterer wirtschaftlicher Situation der Eltern und mit dem Besuch bestimmter Schulformen – beispiels- weise der Haupt- und Förderschule – sinkt die Wahrschein- lichkeit, dass Jugendliche an einem organisierten Aus- landsaufenthalt teilnehmen.“ (Becker 2019b: 8). Dies deckt sich mit den Ergebnissen anderer Studien, die sich mit Teil- nehmenden einzelner Lernmobilitätsformate befassen. Sowohl im langfristigen Schüler*innenaustausch, bei geförderten Freiwilligendiensten als auch bei Jugendbe- gegnungen und Workcamps handelt es sich bei den Teil- nehmenden größtenteils um weibliche Personen von Gym- nasien oder mit Abitur und mit tendenziell höherem sozio- ökonomischem Hintergrund (vgl. Weichbrodt 2014; Fischer 2021; Chang et al. 2013; Thomas 2013).
Gerade Freiwilligendienste, Jugendbegegnungen und Workcamps sind charakteristische Formate der internatio- nalen Jugendarbeit, welche sich an alle jungen Menschen richten sollten und stark gefördert werden, um Teilnah- men unabhängig von der ökonomischen Situation zu ermöglichen. Woran liegt es also, dass bestimmte Grup- pen nicht erreicht werden? Die Zugangsstudie zeigt: An den jungen Menschen selbst liegt es nicht. Die Frage nach dem Interesse an internationaler Lernmobilität ist nicht von Milieuzugehörigkeit abhängig. „Wie die Ergebnisse der Zugangsstudie zeigen, ist das Interesse und die Motivation über alle Lebenswelten und soziodemographischen Merk- male hinweg hoch […].“ (Borgstedt 2019: 61). Die Faktoren, die stattdessen eine Teilnahme verhindern, werden als Nächstes betrachtet. 3.2 Strukturelle Teilnahmebarrieren Die Ergebnisse der Repräsentativbefragung der Zugangs- studie weisen darauf hin, dass die Unterrepräsentation bestimmter Gruppen in internationaler Lernmobilität weniger an individuell-motivationalen Barrieren liegt. Stattdessen verhindern strukturelle und diskursive Barrie- ren Mobilitätsteilnahmen. Strukturelle Barrieren existieren besonders, wenn Mobili - tätsformate nur von bestimmten Institutionen angeboten werden, wie es oft im formalen Bildungsbereich der Fall ist. Da Fördermittel nicht von jungen Menschen selbst, son- dern durch Institutionen beantragt werden müssen, deter- miniert die Wahl der Schule häufig schon, welche Ange - bote ein Individuum erhält und wahrnehmen kann. Auch die Wahl einer Fremdsprache kann zu einem strukturellen Selektionsmechanismus werden. Ein anderes Beispiel sind Auslandssemester, die nur für Studierende möglich sind. So bedeutet die Bekanntheit eines Mobilitätsprogramms nicht, dass auch eine Teilnahmeoption besteht (Becker 2019b: 17; Borgstedt 2019: 66-67). Das ist deswegen von Bedeutung, weil formale Formate bekannter sind als For- mate des non-formalen Bildungsbereichs, wie Kapitel 3.3 zeigen wird.
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