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Weiterhin beschreiben Nicht-Teilnehmende, dass Zeitfens- ter für eine Teilnahme fehlen, sie keine Freistellung durch den Ausbildungsbetrieb erhalten oder dass der Erhalt von Visa problematisch sei (Becker 2019b: 16). 2 Bildungsbe- nachteiligte junge Menschen erfahren somit weitere Benachteiligung, da ihnen dieser wichtige Zugang zu Mobi- litätserfahrungen fehlt (AGJ 2010: 4; Thimmel 2021b: 715). Becker spricht in diesem Kontext von einer „[…] Orientie - rung hin zur Eliteförderung Heranwachsender […].“ (Becker 2016: 313). 3.3 Diskursive Teilnahmebarrieren Diskursive Barrieren sind ein Aspekt, den die Zugangsstu- die besonders hervorhebt. Diese würden dafür sorgen, dass Mobilitätsprogramme oft schwer zugänglich oder als „elitär“ empfunden werden, was die Entscheidung junger Menschen beeinflussen kann, solche Möglichkeiten über - haupt in Betracht zu ziehen (Borgstedt 2019: 66). Nach der Zugangsstudie beeinflussen Stereotype über und Voran - nahmen zu internationaler Lernmobilität die Erwartungen junger Menschen (ebd.: 66). Diese Vorannahmen scheinen damit zusammenzuhängen, welche Lernmobilitätsfor- mate jungen Menschen bekannt sind. Die Zugangsstudie zeigt zum einen, dass formale Lernmobilitätsformate wie Auslandsfahrten mit der Schulklasse und Schüler*innen- austausch deutlich bekannter sind als non-formale For- mate der internationalen Jugendarbeit (ebd.: 37, 39). In Kapitel 3.2 wurde bereits erörtert, dass dies problema- 2 Borgstedt nennt ebenfalls fehlende Zeitfenster als weitere strukturelle Barriere. Sie beschreibt, dass einige Mobilitätsformate nur zu einem bestimmten, begrenzten Zeitpunkt genutzt werden können und bezieht sich dabei auf den Zeitpunkt nach Abschluss der Schule und vor Beginn eines weiteren Ausbildungsabschnitts (Borgstedt 2019: 67). Tatsächlich ist der Forscherin dieser Arbeit jedoch kein Format bekannt, das nur in diesem Zeitfenster genutzt werden kann. Viele Jugendliche machen nach dem Schul - abschluss eine bis zu einjährige Pause – ein sogenanntes Gap Year –, bevor sie den nächsten Ausbildungsabschnitt starten. Typische Lernmobilitätsformate, die dabei genutzt werden, sind Work & Travel, Au-pair und Freiwilligendienste. Alle drei sind Formate, die man bis 30 Jahre machen kann und die dement- sprechend auch noch viel später als zu dem von Borgstedt beschriebenen Zeitpunkt genutzt werden können. Hierbei handelt es sich demnach nicht um eine strukturelle Barriere. Stattdessen verstärkt die Zugangsstudie hierdurch selbst diskursive Barrieren, indem sie die Mobilitätsmöglichkeiten zeitlich falsch verortet. Diskursive Barrieren werden im nächsten Unterkapitel behandelt.
tisch sein kann, da die Bekanntheit nicht gleichzeitig bedeutet, dass auch eine Teilnahme möglich ist. Interviews mit Nicht-Teilnehmenden belegen, dass junge Menschen vor allem im Schulkontext Informationen zu internationa - len Angeboten erwarten. Ihnen scheinen Informations- quellen zum non-formalen Bildungsbereich zu fehlen (Abt 2019: 83). Gleichzeitig kennen junge Menschen eher mehrmonatige Formate. „Hieraus entsteht in der Wahrnehmung von Aus- landsformaten der verzerrte Eindruck, dass ein Austausch zumeist mehrere Monate dauert und (schon allein des- halb) sehr teuer ist.“ (Borgstedt 2019: 66). Antizipierte hohe Kosten und Sprachschwierigkeiten, Ängste und fehlende Zeitfenster sind genannte Hinderungsgründe, mit denen junge Menschen die bisherige Nicht-Teilnahme an Lernmo- bilität erklären. Diese können jedoch nach Abt mit den bekannten Lernmobilitätsformaten und dem darauf basie- renden Gesamtbild von Lernmobilität zusammenhängen (Abt 2019: 94-95). Die Studie identifiziert verschiedene sogenannte „Geisterhypothesen“, die in den Interviews mit Nicht-Teilnehmenden zwar nicht direkt thematisiert wurden, sondern in vielen Aussagen unterschwellig mitzu- schwingen schienen, wie etwa „Das kostet viel Geld“, „Das ist nur für Gymnasiast*innen“ oder „Man muss die Spra- che des Gastlandes schon können“ (ebd.: 98). Es lässt sich zusammenfassen: Von internationaler Lern - mobilität bisher nicht erreichten jungen Menschen fehlen Informationen. Dies grenzt das Vorstellungsvermögen ein, was Lernmobilität sein kann, und trägt somit zur Repro- duktion sozialer Ungleichheit bei. Tatsächlich wird das Informationsdefizit auch von jungen Menschen selbst als Hauptgrund für eine bisherige Nicht-Teilnahme genannt, insbesondere bei Personen, die Mittel-, Real- und Berufs- schulen besucht haben (ebd.: 96). Dass generell ein Infor- mationsdefizit in Bezug auf Lernmobilität unter deutschen Jugendlichen besteht, zeigt sich auch in der Gruppe der Austauscherfahrenen: 20% der ehemaligen Teilnehmen - den von Angeboten internationaler Jugendarbeit gaben an, dass sie lange nichts von der Möglichkeit gewusst haben.
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