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In der Gruppe Unterrepräsentierter steigt dieser Anteil sogar auf 40% (Borgstedt 2019: 54). Vor diesem Hinter - grund spielt auch das soziale Umfeld eine entscheidende Rolle, da es, wie das nächste Kapitel zeigt, eine zentrale Informations- und Motivationsquelle für die Teilnahme junger Menschen an internationaler Lernmobilität dar- stellt. 3.4 Die Bedeutung des sozialen Umfelds Die diskursiven Barrieren im Sinne von fehlendem bzw. fehlerhaftem Wissen junger Menschen hängen besonders mit dem sozialen Umfeld zusammen. So stellen Freund*in- nen und Familie die wichtigste Informations- und Motiva- tionsquelle für die Teilnahme an internationaler Lernmobi- lität dar. Wenn im direkten Umfeld keine Bezugspunkte mit der Thematik vorhanden sind, das Wissen fehlt oder gar falsche Vorannahmen bestehen, stellt dies ein eindeutiges Hindernis dar (Becker 2019a: 199). Carlson et al. (2014) sprechen in diesem Zusammenhang in Anlehnung an die Kapitaltheorie Pierre Bourdieus (2012) von einem Mangel an transkulturellem Kapital. Dieses sei geprägt durch Auslandserfahrungen nahestehender Per- sonen, etwa der Eltern oder Freund*innen. Transkulturel- les Kapital fördert die Verinnerlichung bestimmter Denk- und Handlungsschemata bei jungen Menschen, wodurch sie Lernmobilität als etwas Vertrautes und nicht als Frem - des wahrnehmen (Carlson et al. 2014: 148). Gleichzeitig wird internationale Mobilität von mobilitätsnahen Eltern als etwas Selbstverständliches und als mögliche Bildungs- option für die eigenen Kinder betrachtet. Junge Menschen mit diesem Kapital können dementsprechend mit Unter- stützung bei der Umsetzung eines Mobilitätsinteresses rechnen (ebd.: 149). Der privilegierte Zugang zu dieser Art von Kapital sei nach Carlson et al. (2014) typischerweise in der transnationali- sierten oberen Mittelklasse zu finden. Durch ökonomi - sches Kapital haben diese Familien außerdem die nötigen Ressourcen, um mögliche hohe Kosten von Auslandsauf- enthalten zu tragen. Resultat ist, dass junge Menschen
unabhängig von Förderprogrammen frei zwischen Mobili- tätsangeboten wählen können (ebd.: 148). Im Gegensatz dazu stehen Familien, in denen Auslandsaufenthalte selten und damit häufig mit hohen Unsicherheiten verbunden sind. Die Realisierung der Teilnahme an internationaler Mobilität ist für Jugendliche solcher Familien oft mit einem hohen Maß an Eigeninitiative verbunden. Carlson et al. halten fest, dass nicht-mobilitätsaffine Eltern Sorgen vor der finanziellen Belastung und den unklaren Unterstüt - zungsoptionen hätten, was zu einer distanzierten Haltung gegenüber Lernmobilität führt. Der Teilnahmewunsch muss von Jugendlichen selbst geäußert und gegenüber Eltern vertreten werden (ebd.: 149). An dieser Stelle rückt das erweiterte soziale Umfeld in Form von Schulen, Betrieben und der Jugendarbeit in den Fokus. Laut der Repräsentativbefragung der Zugangsstu- die folgt nach Freund*innen und Familien der schulische Kontext als zweitwichtigste Informationsquelle zu organi - sierten Auslandsaufenthalten. Außerdem erhielten 30% der austauscherfahrenen Jugendlichen die Informationen zu der Maßnahme jeweils durch Verbände, Vereine oder Ausbildungsbetriebe (Borgstedt 2019: 41). Dies unter- streicht die Bedeutung dieser Einrichtungen für den Zugang junger Menschen zu internationaler Lernmobilität. Nach Abt sei eine systematische Motivation durch diese Institutionen gerade für junge Menschen wichtig, die auf- grund von Unsicherheiten, bedingt durch fehlende Nähe zur Lernmobilitätsthematik, nicht aktiv selbst nach Infor- mationen suchen (Abt 2019: 83). Allerdings zeigen Expert*inneninterviews der Zugangsstudie eine weitere Ebene diskursiver Barrieren. Demnach existieren bei Fach - kräften exkludierende Narrative. Zum einen konstruieren sie Lernmobilität als „Luxusaktivität“ und erkennen nicht deren Bedeutung für die Entwicklung junger Menschen an. Zusätzlich verbinden sie die Vorbereitung und Durchfüh - rung von Lernmobilitätsmaßnahmen mit hohem Arbeits- aufwand. Beide Aspekte hindern Fachkräfte der Jugend- arbeit und Jugendbildung, sich mit der Thematik auseinan- derzusetzen und entsprechende Angebote für junge Men- schen zu schaffen (Naddaf 2019: 154).
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