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volle Ergänzung, um individuelle Bedarfe und Wahrneh- mungen junger Menschen besser zu verstehen, insbeson- dere in Bezug auf spezifische Beratungsangebote. Zusätz - lich werfen Diskrepanzen zwischen der von Befragten selbst angegebenen Nicht-Nutzung von Eurodesk-Angebo- ten und ihrer Einbeziehung als Nutzer*innen in dieser Untersuchung Fragen für weitere Forschungsvorhaben darüber auf, wie junge Menschen ihr Nutzungsverhalten und Eurodesk wahrnehmen. Trotz der Einschränkungen ergeben die Ergebnisse Hand- lungsimpulse für die Jugendinformation. Die Online-Befra- gung bestätigte die bereits in anderen Studien aufge- deckte Bedeutung von Schulen für den Zugang zu Lernmo- bilität. So stellt die Schule eine der wichtigsten Informa- tionsquellen für Jugendinformation dar – gleichzeitig wird Lernmobilität aber nur unzureichend thematisiert. Eine stärkere Kooperation zwischen Eurodesk-Informations- stellen und Schulen würde diese Diskrepanz schließen. Zum einen könnte Eurodesk selbst verstärkt in Schulen auftreten. Zum anderen sollten Fachkräfte wie Lehrer*in- nen und Berufsberater*innen, welche regelmäßig im direkten Kontakt mit Schüler*innen stehen, in ihrer Multi- plikator*innenrolle gestärkt und über internationale Lern- formate, besonders der internationalen Jugendarbeit, geschult werden. Weiterhin zeigte die Studie Defizite in der Beteiligung junger Menschen an der Gestaltung des Jugendinforma- tionsdienstes. Mobilitätserfahrene Umfrageteilnehmende äußerten eine hohe Bereitschaft, sich hierbei einzubrin- gen. Dieses Potenzial sollte verstärkt genutzt werden, um zielgruppengerechtere Peer-to-Peer-Angebote zu schaf- fen. Gleichzeitig sollte Eurodesk, wie mit der hier durchge- führten Befragung, regelmäßiger in direkten Kontakt mit den Nutzer*innen gehen und deren Feedback für die kon- tinuierliche Weiterentwicklung des Dienstes berücksichti- gen. Das Monitoring von Interessen und Bedürfnissen junger Menschen bezüglich Lernmobilität ist eine Tätigkeit, mit der Eurodesk Deutschland außerdem dazu beitragen kann, strukturelle Hindernisse zu reduzieren. Auf der
einen Seite kann Eurodesk dadurch Informationsangebote schaffen, die junge Menschen mit dem Umgang strukturel - ler Hindernisse unterstützen, beispielsweise durch Hilfe bei Anmeldeverfahren für Mobilitätsmaßnahmen. Auf der anderen Seite kann Eurodesk als Vermittler zwischen jungen Menschen und Förderern und Anbietern dazu bei- tragen, dass Mobilitätsformate näher an den Lebenswel- ten und Vorstellungen junger Menschen gestaltet werden. Abschließend wird deutlich, dass Eurodesk als Jugendin- formationsnetzwerk ein großes Wirkungs- und Entwick- lungspotenzial hat, um die Chancenungleichheit in der Lernmobilität zu verringern. Eurodesk Deutschland spielt für den Zugang junger Menschen zu internationaler Lern- mobilität eine wichtige Rolle, da der langfristige Kontakt mit dem Jugendinformationsdienst diskursive Barrieren reduziert. Stereotype zu Lernmobilitätsmaßnahmen werden stärker abgelehnt und die Kenntnis über die indivi- duellen Teilnahmemöglichkeiten an Lernmobilitätspro- grammen steigt, besonders über Angebote, die im non- formalen Bildungsbereich angesiedelt sind. Gleichzeitig kann das generelle Interesse an Lernmobilität gesteigert werden. Allerdings verfehlt das Netzwerk sein Potenzial, diesen Einfluss auf formal niedrig gebildete junge Men - schen, die in der Teilnahme an Lernmobilität unterreprä- sentiert sind, auszuweiten. Stattdessen profitieren schein - bar diejenigen von dem Informationsangebot, die bereits einen vergleichsweise guten Zugang zu Lernmobilität in Form eines mobilitätsnahen Umfeldes haben und somit ihre Bildungschancen weiter ausbauen können. Dieses Ungleichgewicht kann Eurodesk unter den aktuellen Rah- menbedingungen nicht ausgleichen. Es fehlen personelle Ressourcen, sichere finanzielle Strukturen und eine gene - relle Anerkennung und Verankerung des Arbeitsbereichs als Teil der Jugendhilfe. Erst wenn diese Notwendigkeit auch auf politischer Ebene erkannt wird und Eurodesk und ähnliche Dienste strukturelle Stärkung erhalten, können sie ihr Potenzial erfüllen, damit alle jungen Menschen – unabhängig von ihrem sozialen oder Bildungshintergrund – gleiche Chancen auf internationale Lernmobilität und somit auf eine vollwertige Partizipation in einer global ver- netzten Weltgemeinschaft erhalten.
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