Andreas Brendt
Wild
Ride
Was ich in der Welt über Gangster, Schamanen und das Glück lernte
Impressum © 2025 Bruckmann Verlag GmbH Infanteriestraße 11a 80797 München
Alle Rechte vorbehalten. ISBN: 978-3-98701-116-0 Autor: Andreas Brendt Verantwortlich: Joachim Hellmuth Produktmanagement: Katja Treu, Ronja Holzinger Lektorat: Britta Mentzel Korrektorat: Simona Fois Umschlaggestaltung: Nina Andritzky Satz: Röser MEDIA, Karlsruhe Druck und Verarbeitung: Printed in Türkiye by Elma Basim
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Umschlagabbildung: ©Andreas Brendt Nachweise Bildtafel: ©Andreas Brendt
Inhalt
Herzschlag (2022)
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I.
Z ur rechten Zeit am rechten Ort (Senegal, 2005) ‒ Impulsivität
17
II. E s geht immer alles gut (Südafrika, 1996) ‒ Naivität
27
III. E s geht nicht immer alles gut (Indonesien, 2011) ‒ Dankbarkeit
37
IV. D as Gesetz der Indianer (Marokko, 2006) – Vertrauen
55
V. Die andere Reise (Schweiz, 2012) – Hingabe
69
VI. Irgendwie kommt man immer an (Dom. Rep., 2012; New York, 2007) – Spontaneität
83
VII. Der Königsweg (Marokko, 2008) – Empathie
109
VIII. Irgendwie kommt man nach Hause
(Mosambik, 2019) – Aufmerksamkeit
123
IX. D er Schamane (Deutschland, 2017) – Spiritualität
143
X. U nder the boat (El Salvador, 2021) – Humor
159
XI. Hotelbesucher (Welt) – Gefühle
167
XII. H inter den Wolken scheint die Sonne (São Miguel, 2022; Sri Lanka, 2018) – Schattenseiten
195
XIII. Ich oder der Inder (Indien, 2011) – Freiheit
207
Lebensmut (2024)
213
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Für Julia
Herzschlag
t – tump
t – tump
t – tump
Es schlägt. 100.000-mal am Tag.
Nur für mich. Ein Wunder. Die Sinuskurve des Herzens zeigt eine Linie mit regelmäßigen Ausschlä- gen. Es geht auf und ab. Wie im Leben …
Eine Welle baute sich vor mir auf, John paddelte los. Er war entschlos- sen, ich feuerte ihn an. Salzwasser spritzte in mein Gesicht, während
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ich die tiefblaue Wasserwand hinaufpaddelte. Das Rauschen des Indi- schen Ozeans verwandelte sich in ein Donnern und nahm John mit, verschlang ihn, zermalmte ihn – oder trieb ihn voran und katapul- tierte ihn ins Glück. Ich blickte der Welle hinterher. Ein brodelndes Weißwasserfeld blieb zurück. … wenn es nicht auf und ab geht, wenn die Linie horizontal über den Monitor läuft, dann schlägt es nicht. Weil da kein Leben ist. Hier und jetzt lag meine Herzfrequenz über dem Ruhepuls. Die vergangenen Tage an der Südküste Javas waren ein Kampf mit meiner Komfortzone. Die Wellen hatten mir Furcht eingeflößt, mich vermöbelt und mir diese unbeschreiblichen Momente geschenkt, für die ich seit 29 Jahren über den Planeten jage. Dazu goldgelber Sand und ein Meer aus saftig grünen Palmen. Ich hatte darüber nachgedacht, die Sache an den Nagel zu hängen. Natürlich Quatsch, aber Indonesien ein paar Monate davor, im Früh- jahr 2022, war nicht zu toppen. Überhaupt, unsere Corona-Weltreise 2021/2022 war Magie. In El Salvador empfingen uns die tanzenden Blitze der Tropengewitter und die Freundlichkeit der Menschen. Es folgten fantastische Sonnenauf- gänge am Lago Maggiore, Weinberge in der Toskana, Pizza in Rom. Große Brandung auf den Azoren. Bei alledem meine erste Reise mit einer Frau und die Transformation vom einsamen Wolf zum Lebens- partner. Bei den Unterkünften musste ich Zugeständnisse machen. Die ganz billigen gingen nicht mehr. Mein Kumpel Markus meinte: »Andi, jetzt kannst du nicht mehr auf einem Strohsack schlafen«, und klopfte mir auf die Schulter. Dafür haben Julia und ich viel gelacht, saßen nebeneinander auf rostigen Ladeflächen, wenn wir durch Mittelamerika getrampt sind, und den Einheimischen zu zweit zu begegnen, öffnete neue Perspekti- ven. Da war noch mehr: Austausch, Neugierde, Verbundenheit.
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Die Monate waren wundervoll.
Aber in meinem Kopf spukte eine Idee. Ich wollte nach Indonesien. So schnell es ging. Weil das Land für Touristen geschlossen war. Julia wollte sich nichts erschleichen. Sie war respektvoll, ich sah nur diese unglaubliche Gelegenheit. Die es nie wieder geben würde. Und eines Morgens geschah es. Julia saß auf der Couch und daddelte im Internet. »Indonesien ist offen!« Sie lächelte, ich sah die Sonnenuntergänge, die schiefen Zähne der Straßenverkäufer und all die Wunder dieses Landes in ihren Augen. Sie würde es lieben. Es dauerte keine zehn Minuten, da hatte ich zwei Flüge gebucht und es dauerte keine zwei Stunden, bis Julia merkte: Fake News! Indonesien blieb für Touristen geschlossen. Ich tanzte durch die Bude. Für 220 Euro und einen Haufen Papier- kram konnte man mit einem Business-Visum einreisen. Leere Wellen in Indonesien. Das gab es zuletzt 1950. Wir mussten sieben Tage ins Hotelgefängnis. Das Erdbeben nach vier Tagen im 17. Stock war ein Schock, aber als unsere Tür aufge- schlossen wurde und wir das Hotel verlassen durften, waren wir frei. Unsere Reise begann. Bali wie vor 50 Jahren, Sumbawa zu gut, um wahr zu sein, und als ich Ende März in Banda Aceh in türkisfarbenem Wasser und völlig perfekten Wellen saß, keine Menschenseele weit und breit, da dachte ich: Mit dem Surfen kannst du aufhören. Das hier wird es nie wieder geben. Das ist ein Geschenk vom Universum. Ich labere herum. Unser Reisejahr war die Wucht. Nach den schwierigen Monaten davor, den Rückschlägen, den Auf und Abs war das Leben sanfter geworden. Die Welt war rund. Ich wollte reisen, schreiben, surfen, arbeiten, lieben, tanzen, den Moment genießen. In allem steckte eine Art Magie. Die ersten Ideen für mein viertes Buch entstanden.
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Wir flogen nach Mexiko, genossen das Leben aus der Hängematte in einer zuckersüßen Strandhütte, und im Juli kehrten wir zurück. Bereit für alles, was da kommen mochte. Weil mir klar war, dass das Wunder in Indonesien nur noch ein paar Wochen andauern (Anfang April 2023 öffnete Indonesien für Touristen) und dann für immer Geschichte sein würde, bin ich noch mal los. Nach Java. Die Welle hieß Turtles und war double overhead . Jeden Tag. Fünf Surfer hatten sich in den abgelegenen Dschungel verirrt. Der Spot lief von morgens früh bis zum Sonnen- untergang. John paddelte zu mir zurück. Er grinste wie ein Honigkuchen. »Man … you know … this is … aaah«. Ich wusste, was er meinte. Die nächste Welle rollte auf uns zu. »Have fun!«, rief John, ich brachte mich in Position, paddelte los, schaffte den Drop und schoss die blaue Wasserwand entlang. Die Welle wurde hohl, die Lippe wuchtete über meinen Kopf, ich steuer- te mein Board mit Mach 7 durch ein zusammenstürzendes Haus aus Wasser. Ein Rauschen durchfuhr meine Glieder, die Zeit stand still. Ich surfte durch den Tunnel, vor mir der kreisrunde Ausgang zum Greifen nah, als eine kleine Erschütterung mich vom Brett fegte. Die Welle krachte über mir zusammen und riss mich mit. Das gehört dazu. Waschmaschine ist nix dagegen. Aber dann: ein dumpfes Kna- cken und ein stechender Schmerz im linken Knie. Panik schoss durch meine Nieren. Was zur Hölle … Ich tauchte auf, hechelte nach Luft. Das ekelhafte Geräusch im in- neren des Gelenks hallte nach, weitere Wellen schlugen vor mir ein, wirbelten mich umher und warfen mich an den Strand. An Land setzte ich den linken Fuß auf. Wackelig, besorgt, aber ich fühlte nur wenig Schmerz. Vielleicht alles nicht so schlimm? Ich humpelte zu meiner Hütte.
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