BiBo_KW17_2021

ETT INGEN

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29. APRIL 2021 | NR. 17

«Die Bibliothek ist das grösste Wohnzimmer in Ettingen» Sie ist eine Institution und wird von Generationen frequentiert. Sie ist – zumindest vor der Pandemie – Be- gegnungsort und Treffpunkt für Jung und Alt. Sie ist die Gemeinde- bibliothek, die mit ihrem immensen Angebot den Alltag im Guggerdorf bereichert.

In der Schule, teils auch schon im «Kindsgi» in spielerischer Form, (er-)ler- nen wir das ABC. Denn Lesen ist vieles – Spass, Unterhaltung, Vergnügen und Wissen. Wer liest, der weiss schlicht mehr und begegnet dem Alltag, auch Schule, Lehre, Studium und Beruf, mit einem gut gefüllten Rucksack an vielsei- tigem Lesestoff. Wir haben uns mit einer Ettingerin unterhalten, welche zu Büchern und Le- sen viel weiss und noch mehr zu sagen hat. BiBo: Dürfen wir ein paar Eckdaten zu Ihrer Person und den beruflichen Werdegang erfahren? beite ich in der Bibliothek und habe vor fünf Jahren die Leitungsfunktion über- nommen. Mein beruflicher Werdegang begann in der Hotellerie. Ich absolvierte die Schweizerische Hotelfachschule in Luzern und arbeitete danach in mehre- ren Hotels im In- und Ausland. Nach der Geburt unserer Tochter und unseres Soh- nes habe ich das Mami-Sein sehr genos- sen und dadurch Ettingen von einer neuen Seite kennengelernt. Als unser Sohn in die Primarschule kam, erhielt ich die Möglichkeit, mich in der Bibliothek mit einem Teilzeit-Pensum wieder in die Arbeitswelt zu integrieren. Mit der Ab- solvierung des Grundkurses SAB und dem anschliessenden Leitungskurs SAB für Bibliothekarinnen und Bibliothekare habe ich mir das nötige Wissen für die Arbeit in der Bibliothek angeeignet. Bis heute macht mir die Arbeit in der Biblio- thek grossen Spass; langweilig wird es in der «Bibli» nie! Wie hat Covid-19 den «Betrieb» der Bibliothek tangiert? Gab es Zeiten, wo «nichts mehr ging»? Rückblickend gesehen hatten wir sicher Glück im Unglück. Die Bibliothek musste nur während weniger Wochen komplett geschlossen bleiben. Während dieser Zeit arbeiteten wir im Hintergrund stets weiter. Neue Medien wurden ange- schafft und in den Katalog aufgenom- men. Die Lehrpersonen hatten immer die Möglichkeit, Medien für das Home- Schooling auszuleihen, und wir bereite- ten unter anderem den Bestell- und Ab- holservice vor. Ich habe ein Covid- 19-Schutzkonzept erstellt und es der für die Bibliothek zuständigen Gemeinderä- tin C. Gorrengourt und dem Gemeinde- verwalter zur Prüfung vorgelegt. Erste Priorität hatte dabei für uns immer der Schutz der Kundschaft und wie wir mög- lichst kundenfreundlich die Bibliothek für unsere Leserinnen und Leser zugäng- Monika Häny: Mein Name ist Monika Häny. Ich lebe mit meinem Mann und unseren zwei Kin- dern seit über 20 Jahren in Ettingen. Seit neun Jahren ar-

Welchen Stellenwert hat die Gemeinde­ bibliothek für «Ettigä»? Ich denke, die Bibliothek ist in Ettingen sehr gut integriert. Wir als fünfköpfiges Team sind auch alle in Ettingen mit unse- ren Familien zu Hause. Die meisten von uns arbeiten seit vielen Jahren in der «Bibli». Die Bibliothek verfügt über einen treuen Kundenstamm und wir freuen uns jedes Jahr über zahlreiche Neuanmeldungen. Die Bibliothek ist ein Verein, der haupt- sächlich von der Gemeinde finanziert wird. Trotzdem sind wir zusätzlich auch auf Sponsoren angewiesen. Dank unseren Sponsoren können wir es uns erlauben, ein grosses Zeitschriften- und ein ausgeweite- tes Sachbücherangebot für Kinder und Ju- gendliche im Bestand zu haben. Durch unsere lokale Verwurzelung in Ettingen sind wir auch mit anderen loka- len Geschäften in Kontakt. So kaufen wir einen Teil unserer Medien bei Eveline Scherrer von der Leserei für GROSS + KLEIN ein. Dank unserem Umzug im Jahr 2012 in die neuen, grosszügigen, funktionalen und auch gemütlichen Räumlichkeiten konnten wir die Bibliothek insgesamt auf- werten und deutlich attraktiver für unsere Kundschaft gestalten. Kinder besuchen unsere Bibliothek, ziehen ihre Schuhe aus (ganz wie zu Hause), setzen sich mit ei- nem Buch auf das Sofa oder schnappen sich die Toniebox und hören Geschichten. Die Bibliothek ist ein Treffpunkt, in der man Freunde antrifft, wo es gemütlich ist und man sich kennt. Bei uns wird nicht geflüstert, sondern es darf auch laut ge- lacht werden. Ich spreche gerne vom grössten Wohnzimmer in Ettingen. Sind Internet und Social Media nicht «Konkurrenten» für eine Bibliothek? Ja und nein! Das Internet und die Social Medien gehören heutzutage zu unserer Gesellschaft mit dazu. Ich würde sie nicht als Konkurrenz bezeichnen, son- dern eher als Ergänzung. Ich glaube eher, dass sie in die heutige Welt gehören und einen grossen Stellenwert eingenom- men haben. Ein Leben ohne Internet kön- nen wir uns gar nicht mehr vorstellen. Auch wir von der Bibliothek nutzen die neuen Medien. Wir sind über Facebook und Instagram erreichbar und posten Neuerungen und Informationen über diese Kanäle. Hierbei macht mir beson- ders der Trend #bookfacefriday Spass. Am Freitag poste ich auf Instagram einen Beitrag, indem ich ein Buch aus unserer

lich machen konnten. Für Personen aus Risikogruppen und jene, welche sich in Quarantäne befanden, haben wir einen persönlichen Lieferdienst organisiert. Da wir eine Schul- und Gemeindebi- bliothek sind, arbeiten wir seit Beginn der Pandemie mit zwei verschiedenen Schutzkonzepten. Aufgrund dessen mussten wir die Öffnungszeiten der öf- fentlichen Ausleihe und der Schulaus- leihe trennen. Seit ein paar Wochen sind wir ausserdem Teil der wöchentlichen Corona-Test-Initiative der Primarschule. Am stärksten betroffen während der Pandemie waren unsere Veranstaltun- gen. Diese mussten wir aufgrund der Covid-19-Massnahmen alle komplett absagen. Wir bedauern das sehr und vermissen die lebhaften Anlässe in un- serer Bibliothek. Der Lesekreis, Kroggis Geschichtenbus, Buchstart- und Kamis- hibaiveranstaltungen sind alle bereit und warten nur darauf, bis es wieder los geht. Seit März 2020 ist alles anders. Die Pandemie hat Gewohnheiten gebrochen und uns zum Umdenken gezwungen. Fle- xibilität und Einsatzbereitschaft wurde von allen gefordert. Ich möchte an dieser Stelle auch unserer Kundschaft ein Kränzchen winden. Insgesamt kann ich sagen, dass die Schutzmassnahmen sehr gut angenommen und umgesetzt wur- den. Es waren wahrlich nicht wenige. Könnte es andererseits nicht sein, dass just wegen der Pandemie mehr gelesen wird? Das ist eine interessante Frage, die uns auch immer wieder beschäftigt. Wir konnten beispielsweise während der Komplettschliessung der Bibliothek fest- stellen, dass es mehrere Anmeldungen für das Online-Angebot von e-kbl (Kan- tonsbibliothek Liestal) gab. Dieses An- gebot beinhaltet eine grosse Anzahl von eBooks, ePaper, eMusik, eAudios und eVideos. Wir stellen ebenfalls fest, dass unser Angebot in der Bibliothek von un- serer Kundschaft auch während der Co- rona-Massnahmen besonders geschätzt wird.Wir hören oft, dass es sehr begrüsst wird, dass wir offen haben und Medien direkt vor Ort ausgeliehen werden kön- nen. Somit wurde die Bibliothek in dieser schweren Zeit zumTeil zumTagesausflug. Den von uns eingeführten Lieferdienst für Risikogruppen haben wir natürlich weiter im Angebot. Eine gewisse Zurück- haltung für den Bibliotheksbesuch spü-

ren wir jedoch schon auch. Die Besucher- zahlen sind noch nicht wieder auf dem gleichen Stand wie vor der Pandemie. Hat sich das Leserverhalten von Kin- dern und Jugendlichen, und allge- mein das Interesse an Büchern, ver- ändert in den letzten Jahren? Leider beobachten wir seit Jahren, dass wir oft mit dem Schulwechsel von der Pri- marschule in die Oberstufe die Jugendli- chen «verlieren». In diesem Alter spricht man vom sogenannten «Leseknick». Lesen wird in diesemAlter oft als «läs- tige Pflicht» und (schulische) Arbeit emp- funden. In der Pubertät gewinnen zudem andere Themen an Attraktivität. Lesemo- tivation hängt mittlerweile auch stark mit dem persönlichen Umfeld zusammen: Welche Medien stehen in der Familie zur Verfügung? Was lesen Freundinnen und Freunde? Wie ist das Leseklima an der Schule? Welche Angebote gibt es in der Bibliothek? Und genau aus diesen positi- ven oder negativen Erfahrungen ergibt sich dann zuletzt, welchen Stellenwert das Lesen weiterhin einnimmt. Um das Lesen weiterhin zu fördern, ist eine grosse Bandbreite an Medien (ge- druckt wie digital) gefragt. Passende An- gebote und Projekte können die Lesemo- tivation wieder steigern. Zum Beispiel haben die Schülerinnen und Schüler der 6. Klassen die Möglichkeit, sich aktiv am Bü- chereinkauf der Bibliothek zu beteiligen. Sie besuchen mit der Klassenlehrperson und einer Bibliothekarin die Buchhand- lung Bider & Tanner in Basel, wählen dort Bücher aus und erarbeiten in der Klasse Rezensionen, welche wiederum in der Bi- bliothek ausgestellt werden. Die Leseförderung soll sich jedoch nicht nur auf das Buchlesen beschränken, sondern es soll die gesamte Bandbreite an Lesestoff und Medien genutzt werden. Sachbücher, Graphic Novels (Comic-Ro- mane), Comics, Fan-Zeitschriften, Hörbü- cher und Tonies stellen eine willkommene Abwechslung dar. Zeitschriften (zum Bei- spiel «4-Teens») und «Easy Reading»-Bü- cher nehmen die Scheu vor langen Texten und komplexen Inhalten. Wichtig zu er- wähnen ist aber, dass gedruckte und digi- tale Medien keinesfalls gegeneinander ausgespielt werden sollten. Elektronische Medien unterstützen sogar die Lesemoti- vation.

Bibliothek in eine reale Situation integ- riere. Sie wollen wissen, wie ich das ma- che? Dann schauen Sie doch bei unserem Instagram-Account vorbei und machen Sie mit. Darüber würden wir uns freuen. Ebenfalls ist unsere Webseite (www.bi- bliothek-ettingen.ch) ein wichtiger In- formationskanal und stets auf dem neus- ten Stand. Speziell jetzt während Co- vid-19 ist es wichtig, dass wir die Kund- schaft schnellstmöglich über neue BAG-Richtlinien informieren können. Auch der Bestellservice ist nur dank un- serer Webseite möglich und wird von unserer Kundschaft rege genutzt. Was wir jedoch seit ein paar Jahren beobachten, sind die immer schwäche- ren Ausleihzahlen im Bereich der Musik- CDs und DVDs. Diese Entwicklung hat sicherlich mit dem sehr grossen Strea- mingangebot zu tun, welches immer stärker ausgebaut wird. Es gibt Biblio- theken, welche Musik-CDs bereits kom- plett aus ihrem Bestand genommen ha- ben. Wir stellen diese Überlegungen auch an, vor allem da die Nachfrage nach Games (beispielsweise Nintendo Switch) stetig zunimmt und wir da einen Angebotswechsel vornehmen könnten. Persönlich denke ich aber schon auch, dass das Smartphone & Co. manchmal einen zu grossen Stellenwert in unserem Leben einnimmt. Ein massvolles Kon- sumverhalten ist sicher nicht falsch, eine obsessive Nutzung auf Dauer ist aber auf jeden Fall problematisch. Wie würden Sie einem Ortsfremden Ihr ganz persönliches Ettingen be- schreiben respektive schildern? Ettingen ist für mich persönlich die ide- ale Gemeinde für Familien mit Kindern (natürlich auch für alle anderen). Mir ge- fällt es, dass man sich auf der Strasse grüsst und auch mal ein Schwätzchen halten kann. Die Natur ist quasi vor der Haustüre und das Dorf bietet viel Ab- wechslung, ein reiches Vereinsleben und verfügt meiner Meinung nach über eine sehr gute Infrastruktur. Die Gemeinde liegt in Stadtnähe und ist mit den öffent- lichen Verkehrsmitteln sehr gut erschlos- sen. Meine Familie und ich fühlen uns in Ettingen sehr wohl. Es ist mir ein persönliches Anliegen, Frau Häny für das Interview herzlichst zu dan- ken. Und wir sind sicher, dass weiterhin Generationen von «Guggern» die Biblio- thek benutzen werden. Georges Küng

Quelle: wirlesen.org/leselust statt lese- knick/verena gangl

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