Auto Classic

HISTORIE | Mercedes-Benz Kleinwagen der Vorkriegszeit

Großes Lenkrad und immerhin zwei Rund- instrumente; Tank vorn unter der Haube

D r. Kissel, Daimler-Benz war einst der erste Hersteller von kleinen, serienmäßigen Heckmotorwagen. Wie kam es dazu? DR. WILHELM KISSEL: Die Zeit erforderte einen günstigen Kleinwagen. Unsere bis da- hin angebotenen Typen begannen damals bei 7000 Mark, und unsere Vertreter jammerten, dass sie ohne billigere Verkaufsobjekte nicht bestehen könnten. Außerdem waren wir der Meinung, dass sich in Deutschland kleine Autos immer mehr durchsetzen würden, weil die Gewichte der großen Wagen zu hoch seien für die Beförderung weniger Menschen. Kol- lege Nibel (Anm. d. Red.: Hans Nibel, Tech- nischer Direktor) war der Ansicht, dass so ein kleines Auto unsere Auslastung im Werk Untertürkheim wesentlich verbessern würde. Ihre Planungen begannen mit einem 1,5-Liter- Wagen, der den Motor ganz klassisch vorne

Auf welche Konkurrenten zielten Sie? KISSEL: Zunächst jedenfalls nicht auf Opel, die bauten ganz andere Autos. In der Tat war der Wettkampf in dieser Klasse kleiner als in der Klasse der mittleren Wagen. Aber wir mussten auf die Amerikaner aufpassen. Dort war die Stimmung unter den Automobilarbei- tern zu der Zeit ausgezeichnet. Und die verdienten sehr gut: 70 Cent pro Stunde, 50 Prozent Überstundenaufschlag, 100 Prozent Aufschlag für Sonntagsarbeit. Allein die kleinen Autos mit einem Preis zwi- schen 500 bis 700 Dollar, hauptsächlich von Chrysler und Pontiac, machten in Amerika 75 Prozent der Gesamtautoproduktion aus. Wie fuhren Sie mit Ihrem Projekt fort? KISSEL: Im Oktober 1928 hatten wir bereits eine Probeserie von 30 konventionell konzep- tionierten Wagen fertig, nun mit 1,4-Liter-Mo- tor. Ich schlug vor, diese ganz kleinen Wagen

tragen sollte. Wie sah zu Beginn die Kalkula- tion dafür aus? KISSEL: Bei 1.000 Autos pro Monat haben wir 1.342 Mark für Material, 340 Mark für Lohn und 850 Mark für Unkosten angesetzt, macht 2.532 Mark für das Chassis. Eine ge- schlossene Karosserie kostete beim Ambi- Budd 1.000 Mark, somit ein ganzer Wagen 3.523 Mark. Bei einem Verkaufspreis von 5.000 Mark und 20 Prozent Rabatt ergab sich ein Nettopreis von 4.000 Mark. So sollte ein Überschuss von 468 Mark übrig bleiben. Die Rechnung konnte nur stimmen, wenn das Auto gut funktionieren würde und keine Nacharbeiten nötig sein würden. Mir wurde angetragen, dass Fahrmeister Werner seit ei- niger Zeit mit den ersten Versuchswagen auf dem Nürburgring in angestrengtester Weise unterwegs sei. Wir hatten Probleme mit der Kühlung, ein Lager ging kaputt, und die Ven- tilfedern brachen. Aber alles nichts Ernstes.

Der Typ 130 war das erste Mercedes- Serienmodell mit Heckmotor; der 1,3-Liter- Vierzylinder leistete 26 PS

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