IHK-Global Business Ausgabe 2/2024

GEOECONOMICS

Spill-Over-Effekte nach Deutschland, Europa und auf Drittmärkte

Schotten sich die USA in Marktsegmenten ab, kann der Wettbewerbsdruck auf anderen Märkten stark anstei- gen. Bleiben wir zur Illustration beim Automotivmarkt. Natürlich lohnt es sich für die eigenen Produktgruppen zu überlegen, ob sich die Wettbewerbssituation in Deutsch- land, im EU-Binnenmarkt oder in wichtigen Drittmärkten verändern kann, weil zusätzliches Angebot in diese Märkte drückt, das nicht in die USA gelangen kann. Die meisten Pkw-Importe in die USA stammten zwischen Oktober 2022 und Oktober 2023 laut US-Census wert- mäßig aus Mexiko (38 Mrd. US$), Japan (36,6 Mrd. US$) und Kanada (31,3 Mrd. US$). Aus der Volksrepublik China stammten gerade einmal Pkw-Importe für 1,3 Mrd. US$ – und das bei der Bedeutung des US-Automotivmarktes und den Überkapazitäten der chinesischen Automobilindustrie. Laut Jörg Wuttke, langjähriger Präsident der Europäi- schen Handelskammer in China, verfügen chinesische Autobauer mittlerweile über eine Fertigungskapazität von 50 Millionen Autos im Jahr. Der chinesische Heimatmarkt nimmt aktuell aber nur 23 Millionen Autos im Jahr auf. Wenn die verbleibenden Überkapazitäten chinesischer Hersteller ihren Weg nicht in die USA finden können, werden sie sich andere Absatzmärkte suchen. Vietnam und andere Ausweichrouten Vietnam galt in den letzten Jahren als Paradebeispiel für einen Ausweichfertigungsstandort zur Volksrepublik China, um aus Fernost auch den US-Markt beliefern zu können. Mit entsprechenden Folgen: Inzwischen weisen die USA ihr drittgrößtes Handelsbilanzdefizite nach dem mit der Volksrepublik China (–258,8 Mrd. US$) und Mexiko (–138,8 Mrd. US$) mit Vietnam aus (–95 Mrd. US$). Zum Ver- gleich: US-Handelsdefizit mit Deutschland (–76 Mrd. US$). Wer bisher diesen Weg über Vietnam zum Beliefern des US-Marktes gewählt hat, könnte ihn bei Trump II und dem merkantilistischen Ansatz durch hohe Zusatzzölle oder Kontingente künftig verbaut sehen. Denn anders als Kun- den in Mexiko und Deutschland kaufen Kunden in Vietnam bislang kaum Waren aus den USA (Mexiko: 297 Mrd. US$, EU-27: 337 Mrd. US$, davon Deutschland: 70 Mrd. US$, Vietnam: 8 Mrd. US$). Die Möglichkeit zu Retorsionsmaß- nahmen in Form von Zöllen auf US-Produkte, über die die Europäische Union durch den hohen Importwert klar verfügt, hätte Vietnam so gut wie nicht. Allerdings kann Vietnam auch für eine Trump II Administration eine hohe geopolitische Bedeutung in Südostasien haben. Ob das so ist, ist allerdings aktuell schwer abschätzbar. Local-Content-Anteile Local-Content-Anteile sind auch der Biden I-Administration nicht fremd (siehe etwa Inflation Reduction Act). Sie dürften unter Trump II aber eine noch größere Rolle spielen und noch häufiger als populistisches Mittel der Politik eingesetzt werden. Darauf sollten sich Unternehmen einstellen.

Streitpunkt Automobilindustrie: Für Trump sind die Kfz-Importe in die USA zu hoch. Unternehmen die vor Ort produzieren und viele Jobs schaffen, sind jedoch gern gesehen. Im Bild: SUV-Produktion von Mercedes Benz in Tuscaloosa, Alabama

in die USA weiter von 21,2 Milliarden (Mrd.) Euro im Jahr 2018 um über 25 Prozent auf 26,9 Mrd. Euro in 2023 an. Zwar wuchsen auch die Pkw-Importe aus den USA nach Deutschland um netto 3,4 Mrd. Euro. Das Handelsbilanz-Defizit der USA wuchs damit aber weiter von knapp 17 Mrd. Euro auf gut 19 Mrd. Euro in diesem Zeitraum an. Auch insgesamt stiegen die Importe von Pkw in die USA jüngst deutlich an, von 147,8 Mrd. US$ im Zeit- raum Oktober 2021 bis Oktober 2022 auf 186 Mrd. US$ in der Folgeperiode Oktober 2022 bis Oktober 2023; ein Plus von fast 26 Prozent innerhalb eines Jahres. Natürlich ist das Fokussieren auf einzelne Warengrup- pen, wie auch auf den reinen Warenverkehr eine sehr verkürzte Sicht von Wirtschaft und wirtschaftlichen Vorteilen, aber es entspricht dem Denken einer Trump I und voraussichtlich auch Trump II Administration. Tipp Schauen Sie sich sowohl die Import- und Exportzahlen der USA für Sie relevanter Warengruppen mit Deutschland und der EU, aber auch mit anderen für die Produkte relevanten Ländern an. Erste hilfreiche Datensätze gibt es beim US Census Bureau ohne Registrie- rung: Umfangreichere Datensätze und damit tiefergehende Analysen sind nach Registrierung möglich:

census.gov/foreign-trade/Press-Release/current_press_ release/index.html

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IHK Global Business 02/2024

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