IHK-Global Business Ausgabe 04/2022

PUTINS KRIEG

Kabelbäume für die Automobilproduktion Kabelbäume sind als Bord- netze ein Herzstück jeden Autos. Der hohe Anteil an Handarbeit macht sie teuer in der Fertigung. Sie werden deshalb dort produziert, wo die Lohnstückkosten ver- gleichsweise niedrig sind. Für die Automobilproduktion in Mittel- und Osteuropa wer- den Kabelbäume daher oft in der (West-)Ukraine, auf dem Westbalkan, in Bulgarien und Rumänien oder in Nordafrika gefertigt. Zudem variieren Kabelbäume von Modell zu Modell. Fällt eine Produktion aus, ist eine Alternativliefe- rung aus einem anderen Werk nicht so schnell möglich. Zu- lieferer wie Leonie konnte in seinen ukrainischen Werken vier Wochen nach Kriegsbe- ginn nur noch 30 Prozent der üblichen Produktion herstel- len. Notgedrungen bauen die Hersteller nun an Alternativ- standorten Ersatzlinien auf. Das braucht drei bis sechs Monate. Bereits jetzt drosseln Autobauer an ihren europäi- schen Standorten die Pro- duktion, dies dürfte sich im zweiten und dritten Quartal 2022 verschärfen – mit ent- sprechenden Auswirkungen auf die Zulieferer anderer Automobilteile. Lieferketten noch stärker diversifizieren Unternehmen sind gezwun- gen, kurzfristig ihre Liefer- ketten zu überprüfen und alternative Quellen zu erschlie- ßen. Der Angriffskrieg gegen die Ukraine ist ein weiterer Mosaikstein der zunehmend unsicheren geopolitischen Rahmenbedingungen. Die Liefersicherheit ist für Unter- nehmensstrategien inzwischen zentral. Diversifizierung der eigenen Lieferantenstruktur ist hierzu ein zentraler Baustein.

dazu schneller lässt sich die Unabhängigkeit von Russland durch ein Diversifizieren der Lieferantenstruktur erreichen. Bei den Gas-Importen ist das besonders schwierig. Neben Russland sind bislang nur Nor- wegen mit einem Lieferanteil von 31 Prozent und die Nieder- lande mit 13 Prozent nennens- werte weitere Lieferanten. In Norwegen läuft die Produk- tion bereits am Anschlag. Die Niederlande steigen nach jetzigem Stand perspektivisch aus der Gasförderung aus. Also braucht es neue Lieferländer und die stehen per Pipeline nicht zur Verfügung. Die einzig verbleibende Mög- lichkeit: Flüssiggas (Liquefied Natural Gas – LNG). LNG ist deutlich teurer als Pipeline- Gas. Es muss für den Schiffs- transport auf minus 162 Grad Celcius gekühlt und nach der Anlandung im europäischen Bestimmungshafen wieder in Gas zurückverwandelt werden. Ein Ersatz von Pipeline- durch LNG-Gas wird also schon ein- mal teurer. Wenn man es über- haupt bekommt. Dazu braucht es Lieferländer. Die größten LNG-Lieferländer sind mit Ab- stand Australien und Katar mit je rund 22 Prozent Weltmarkt- anteil. Doch frei verfügbar ist davon nur ein kleiner Teil. Das Gros ist durch längerfristige Verträge vergeben, vor allem an Abnehmer in Asien. Außerdem braucht es zum Anlanden in Europa entspre- chende Terminals. Bundes- kanzler Olaf Scholz kündigte den Bau zweier LNG-Häfen in Brunsbüttel undWilhelmshaven in seiner Regierungserklärung vom 27. Februar an. Wirt- schaftsminister Robert Habeck bezifferte die normale Bauzeit für ein LNG-Terminal auf fünf Jahre. Er hofft den Turbo einle- gen zu können und die Bauzeit auf vielleicht sogar ein Drittel reduzieren zu können. Das wäre sehr hilfreich, denn Eigenversorgung tut auch bei

Die IHKhilft Unternehmen bei der Suche nach Nearshoring- Alternativen in der Lieferkette. IHREANSPRECHPARTNERIN:

Noch ist die deutsche Industrie und Energie- wirtschaft stark auf Öl, Gas und andere Roh - stoffe aus Russland an - gewiesen. Das soll sich so schnell wie möglich ändern.

Heide Schmidt IHK-Expertin Neashoring 0621 1709-147 heide.schmidt@ rhein-neckar.ihk24.de

So steht es um Energie und Rohstoffe

Abhängigkeiten in der Energieversorgung „Erneuerbare Energien sind Freiheitsenergien“ erklärte Bundesfinanzminister Lindner drei Tage nach Kriegsausbruch in der Sondersitzung des Bun- destags. Dies stimmt vor allem mit Blick auf die Importabhän- gigkeit. Deutschland importiert 94,4 Prozent bei Gas, 98 Pro- zent bei Öl und je 100 Prozent bei Steinkohle und Uran. Beim Gas stammen zudem55 Prozent und bei Öl 34 Prozent aus rus- sischen Quellen. Weitere 10 Prozent der Öleinfuhren kommen von Russlands Nach- barn Kasachstan und stehen damit praktisch unter dem Einfluss Russlands. Zumal das kasachische Öl hauptsächlich über die Pipeline des „Caspian Pipeline Consortiums“ zu uns fließt, die durch Russ- lands Süden verläuft und am Schwarzen Meer im russischen Noworossijsk endet. Damit ist Russland auch beim Öl direkt und indirekt Deutschlands mit Abstand größter Lieferant.

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine bringt viel Leid und Gefahr für die Menschen in der Ukraine mit sich. Hiesige Unter- nehmen engagieren sich in vielfältiger Form mit Hilfsmaßnah- men. Gleichzeitig wirkt sich der Krieg spürbar auf die regionale Wirtschaft aus. Vor allem die Versorgung mit Energie und Roh- stoffen bereitet Unternehmen Kopfzerbrechen. Wie groß sind die Abhängigkeiten? Welche Alternativen gibt es?

Die EU-Kommission führt Palladium als kritischen Roh- stoff. Das Edelmetall, das zu 87 Prozent in die Katalysa- toren-Fertigung einfließt, wird nur in wenigen Ländern gefördert. Russland vereinigt 40 Prozent der Weltproduk- tion auf sich. Es ist jedoch der einzige, wirklich kritische Roh- stoff, bei dem Russland über eine hohe Marktmacht verfügt.

Kritische Rohstoffe: Palladium und Neon Das Edelgas Neon wird für die Halbleiterproduktion ein- gesetzt. Geschätzte 540 Tonnen Neon flossen 2021 in die Chip- Produktion. Zwei zentrale Player auf dem Markt sind die ukrainischen Anbieter Ingas (Mariupol) und Cryion (Odessa). Ihr gemeinsamer Weltmarktanteil liegt bei rund 50 Prozent. Je länger der Krieg also andauert, desto wahr- scheinlicher werden weitere Engpässe bei der Chip-Produk- tion. Zwar haben Halbleiter- produzenten nach der Krim- Annexion 2014 begonnen, Pufferlager aufzubauen, aber auch diese sind endlich.

Matthias Kruse IHK Rhein-Neckar

Die Unterneh- men brauchen in der Breite dringend Ent- lastung bei den Energiepreisen. Jede Maßnahme muss konkrete Verbesserungen für den Mittel- stand bedeuten, beispielsweise durch eine Senkung der Energiesteuern; eine einfach umzusetzende Maßnahme.” Manfred Schnabel Präsident der IHK Rhein-Neckar

Russland

Südafrika

Mit dem Angriff auf die Ukraine hat sich Putins Russland mit einem Schlag aus der Welt- gemeinschaft verabschiedet. Politik und Wirtschaft sind sich einig, dass es keine Basis mehr für eine Zusammen- arbeit gibt und sich Deutsch- land so schnell wie möglich von russischen Energie- und Rohstofflieferungen unabhän- gig machen muss. Doch auch aus der Ukraine kommen wichtige Rohstoffe und Vor- produkte für deutsche Unter- nehmen, die möglichweise künftig nicht mehr geliefert werden können.

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Energiesicherheit durch Flüssiggas?

WELTMARKTANTEILE AN DER PALLADIUM- FÖRDERUNG Autobauer reagieren seit einiger Zeit auf die hohen Palladium- Preise , indem sie das Edelmetall durch das günstigere Platin ersetzen. QUELLE: EU-KOMMISSION

Ein hoher Eigenerzeugungs- anteil durch erneuerbare Ener- gien ist erst mittel- bis lang- fristig erreichbar. Im Vergleich

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