IHK-Global Business Ausgabe 04/2022

PUTINS KRIEG

KOMPAKT

VOR 100 JAHREN Was ist der „Rapallo-Komplex“?

freien Förderreserven, zeigen bisher keine Bereitschaft, ihre Fördermengen zu erhöhen. So setzt sich der Abstand zwischen Ziel- und tatsächlicher Fördermenge fort. Er summierte sich im Jahr 2021 laut IEA – Inter- national Energy Agency auf rund 300 Millionen Barrel. Diese Lücke könnte der Iran ganz alleine füllen. Laut IEA könnte er seine Tagesförderung schrittweise auf 1,3 Millionen Barrel hochfahren. Doch damit der Iran das Öl am Weltmarkt anbieten kann, bräuchte es ein Wiedereinsetzen des Atomabkommens. Russland verhin- dert dies derzeit. Venezuela wird oft als weitere Option genannt. Doch die Förderanlagen des Landes sind durch Jahrzehnte der Misswirtschaft unter Präsident Maduro und seinem Vor- gänger Chavez heute in keinem guten Zustand mehr. Was folgt daraus? Die Energiekosten deutscher Unter- nehmen werden sich mittel- bis lang- fristig weiter verteuern. Schon zu Jahresbeginn gab mehr als die Hälfte der Betriebe an, in hohen Energie- und Rohstoffpreisen ein Geschäfts- risiko zu sehen. Diese Entwicklung hat sich seit dem Kriegsausbruch deutlich verstärkt: Neun von zehn Unternehmen machen laut einer aktuellen Umfrage der IHK Rhein- Neckar die steigenden Energiekosten zu schaffen, 63 Prozent der Betriebe haben unter hohen Rohstoffkosten zu leiden. Die Unternehmen tun alles, um die Folgen des Krieges zu bewäl- tigen. Dazu gehört kurzfristig, dort wo möglich, noch mehr in Energie- einsparungen zu investieren. Von der Politik wünscht sich die Mehrheit der Unternehmen laut der Blitzum- frage kurzfristig vor allem schnelle und unbürokratische Maßnahmen, mit denen die Energiekosten gesenkt werden. Mittel- bis langfristig sehen einige Betriebe eine Reduzierung der Hemmnisse beim Ausbau der erneuerbaren Energien in der Region als einen Weg mit den Kriegsfolgen umzugehen. Die Kompetenzstelle Energieeffizienz der IHK Rhein-Neckar hilft Unternehmen: rhein-neckar.ihk24.de/innovation/ energiefragen/keff

den LNG-Hafen-Kapazitäten Not. Ein Drittel der gesamten europäischen LNG-Hafen-Kapazitäten befindet sich in Spanien. Spanien ist bisher aber nur durch zwei kleinere Pipelines mit Frankreich verbunden. Durch Umsetzung des bis Kriegsbeginn aus Kostengründen stockenden weiteren Pipeline-Projekts Midi-Catalonia („Midcat“) könnte sich die Pipeline- Kapazitäten zwischen Spanien und Frankreich auf gut 14 Milliarden Kubikmeter mittelfristig mehr als verdoppeln. Dies entspräche aber trotzdem nur rund einem Drittel der Kapazitäten von Nord Stream 1 (55 Milliarden Kubikmeter). Vor dem Weitertransport steht das Anlanden und die Regasifizierung des LNG im Hafen. Die Wahrscheinlich- keit ist hoch, dass Spanien seine LNG- Terminals künftig verstärkt selbst benötigt: Das Land bezieht fast 50 Prozent seiner Gas-Importe aus Alge- rien; viel davon durch zwei Pipelines. Durch eine der beiden Pipelines fließt schon heute kein Gas mehr. Denn die etwas größere Maghreb-Europe- Gas-Pipeline mit einer Kapazität von 12 Milliarden Kubikmetern ver- läuft durch Marokko. Die Nachbarn

Algerien und Marokko liegen wegen der Westsahara im Streit. Algerien möchte deshalb nicht, dass Marokko an Durchleitungsgebühren verdient. Bleibt die andere Pipeline Medgas: Mit einer Kapazität von 10 Milliarden Kubikmetern verbindet sie Algerien direkt mit Spanien. Doch Algerien könnte den Gashahn auch hier bald zudrehen. Das nordafrikanische Land rief bereits Mitte März seinen Botschafter aus Spanien zurück, nachdem Ministerpräsident Sánchez in einem an den marokkanischen König gerichteten Schreiben indirekt die Zugehörigkeit der Westsahara zu Marokko anerkannt hatte. Diversifizierungspotenziale beim Öl-Bezug? Die Diversifizierungspotenziale sind beim Öl-Import grundsätzlich deutlich höher, weil es mehr Anbieter am Markt gibt. Aber: Das Öl-Kartell OPEC+, bestehend aus 19 Ländern, vereinigt gut die Hälfte der welt- weiten Ölförderung auf sich. Und Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, die beiden OPEC+ -Länder mit den größten

Er bezeichnet das Misstrauen, das in Ländern der westlichen Hemisphäre entsteht, wenn Deutschland sich zu sehr auf Russland zubewegt. Sein Ursprung liegt im „Vertrag von Rapallo“, geschlossen am 16. April 1922, in der gleichnamigen italieni- schen Ortschaft zwischen der Weima- rer Republik und Sowjetrussland. Ziel des Vertrags war es, die internationale Isolation beider Staaten in der Nach-

kriegsordnung des Ersten Weltkriegs zu überwinden. Daraus folgte unter anderem die Wiederaufnahme diplo- matischer und wirtschaftlicher Bezie- hungen, während deutsche Waren von den westlichen Kriegsgegnern weiter boykottiert wurden. Insbesondere Polen, Frankreich und Großbritannien lehnten den Vertrag ab und fürchteten, dass Deutschland eine Neuaufteilung Polens anstrebte. IHK

Reichskanzler JosephWirth

(zweiter von links) mit den Vertretern der sowjetrussi - schen Seite (weiter von links) Leonid Krasin, Georgy Chicherin und Adolf Joffe 1922 in Rapallo

Präsident Gabriel Boric und seine Partnerin nehmen an einer ökumenischen Roga - tionszeremonie der indigenen Völker für die Zukunft des Landes teil.

KRIEG IN DER UKRAINE Wie können Unternehmen helfen?

VOLKSNAH Mit Tattoos und Heavy Metal für Chile Als bislang jüngster Präsident Chiles ist Gabriel Boric am 11. März 2022 in der Hafenstadt Valparaiso vereidigt worden. Mit ihm kommt frischer Wind an die Spitze Chiles: Der 36-jährige Linkspolitiker hat ein Faible für Heavy Metal, trägt Tattoos und Vollbart statt Krawatte und will gegen die soziale Ungleichheit im Land vorgehen. Seinem Kabinett gehören erstmals in der Geschichte des Landes mehr Frauen als Männer an. Der ehemalige Studentenführer sucht den Kontakt zu allen Bevölke- rungsschichten: Anstatt wie seine Vorgänger in einer abgeschiedenen Villa zu residieren, will er in den Barrio Yungay ziehen, ein Multikulti- Arbeiterviertel von Santiago. IHK

Eine gemeinsame Website bietet einen zentralen Überblick über die verschiedenen Hilfsmöglichkeiten für Unternehmen und welche Güter benötigt werden. Zudem enthält die Seite auch wichtige Informationen für Fragen, wie beispielsweise die vorüber- gehende Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten möglich ist oder wie be- troffene Unternehmen die Auswirkun- gen von Lieferengpässen und Produk- tionsstopps abfedern können. DIHK Initiative #WirtschaftHilft wirtschafthilft.info

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat in Europa die größte humanitäre Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs ausgelöst. Die Versorgungslage in den Kriegs- und Grenzgebieten verschlechtert sich von Tag zu Tag – der Bedarf an Hilfsliefe- rungen nimmt entsprechend zu. Zugleich suchen viele Menschen in den Nachbarländern und auch in Deutschland Zuflucht. Die Unterstützung aus der Wirtschaft formierte sich gleich nach Beginn des Krieges: Hilfstransporte, Spenden, Transfers von Menschen aus dem Kriegsgebiet – die Liste der Hilfen wurde immer länger. Um sie bedarfs- gerecht zu bündeln, haben sich DIHK, BDI, BDA und ZDH zur Initiative #WirtschaftHilft zusammengeschlossen.

Flüssiggas (LNG) wird mit großen Tankschiffen transportiert. Für die Anlandung werden spezielle Terminals be - nötigt, wie hier auf Malta, die in Deutschland aber noch fehlen.

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