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VORWORT Liebe Stipendiatinnen und Stipendiaten,
das Erstarken autoritärer Systeme und Tendenzen in Europa und weltweit ist er schreckend. Dieser Aussage stimmen vermutlich viele Menschen hierzulande zu. Aber wie weit reicht der Schrecken? Führt er zu Umdenken und tätigem Einsatz für unsere Demokratie? In seinen 1939 im Londoner Exil niedergeschriebenen Erinnerungen „Geschichte eines Deutschen“ unterscheidet der Publizist Sebastian Haffner zwei Typen von Zeitgenos senschaft. Viele historische Ereignisse vor 1933 seien „im eigentlichsten, privatesten Leben der einzelnen Menschen fast unregistriert“ geblieben: „Alles Frühere zog an uns vorbei und über uns hin, es beschäftigte und es regte uns auf, aber keinen stellte es vor Gewissensentscheidungen, man blieb, was man war.“ Im totalitären System des Nationalsozialismus hingegen, so Haffner weiter, sei er wie Hunderttausende gezwungen gewesen, sein „privates Ich gegen einen übermächtigen feindlichen Staat zu verteidigen“, und er beschreibt diese individuelle Verteidigung der Freiheit zugleich als eine Verteidigung der „Freiheit der Welt“. Im heutigen Deutschland sind wir von dieser Situation und Erfahrung weit entfernt, dennoch müssen wir uns Gedanken machen, warum eine wachsende Zahl von Men schen trotz der von Haffner reflektierten Erfahrungen sich autoritären Alternativen zuwendet. Was sind die Motive und wie können wir den Ursachen begegnen? Wo hat sich in unserer Gesellschaft etwas zum Schlechteren entwickelt, und welche Aufgabe kommt der Politik jetzt zu? „Die persönliche Freiheit ist und bleibt das höchste Gut der Menschen!“, so betonte wenige Monate vor der Verabschiedung des Grundgesetzes Konrad Adenauer, dessen 150. Geburtstag wir 2026 feiern. Dabei verstand er die Freiheit des Einzelnen immer zugleich als eine Verpflichtung aller für das Ganze, für Demokratie und Rechtsstaat. Denn politisches Handeln der gewählten Volksvertreter alleine reicht nicht aus. Auch jeder und jede von uns muss sich den Tendenzen, die Freiheit einzuschränken (ob sie aus der extremen Rechten oder der extremen Linken kommen), widersetzen und unter Umständen, um es mit Sebastian Haffner zu formulieren, auch ‚nicht bleiben, was wir sind‘. Das mögen alle, die die Freiheit lieben, so empfinden – das Privileg, das der freiheitliche Rechtsstaat gewährt, ist, dass niemand dazu gezwungen wird.
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