LIEBEVOLLE
OFFENHEIT
Hättest du einen Ratschlag für uns, wie wir fremden Menschen mehr Liebe zei- gen können? Mein erster Ratschlag ist Gebet. Wir können Gott darum bitten, dass er uns fremden Menschen gegenüber Liebe schenkt. Wenn wir Mühe mit Frem- den haben, können wir versuchen, uns vorzustellen, mit welchen Augen Gott die Person vor uns sieht. Auch wenn sie uns vielleicht gerade nervt, wütend macht oder imWeg steht, Gott liebt sie nicht mehr und nicht weniger als uns. Ausserdem ist «fremd sein» so relativ. Für Gott ist kein Mensch fremd. Wir selbst brauchen nur über die Landes- grenze hinauszugehen und schon sind wir selber Fremde. Was bedeutet Gottes grenzenlose Liebe für dich persönlich und für deinen Um- gang mit anderen Menschen? Gottes grenzenlose Liebe befreit mich vom Druck, alles richtig machen zu müssen. Seine bedingungslose Liebe be- freit mich von der scheinbar unmög- lichen Aufgabe, grenzenlos lieben zu müssen. Sie erinnert mich daran, wie sehr ich Gott brauche. Sie motiviert mich, sie inspiriert und führt mich.
bin ich von klein an mit dem Thema «Fremdsein» konfrontiert worden. Ich gleiche weder meiner Mutter noch mei- ner Schwester noch meinem Vater, also bin ich optisch fremd in meiner eige- nen Familie. Wie nimmst du Grenzen in Bezug auf Liebe gegenüber fremden Menschen war? Die erste und die natürliche Reaktion von uns Menschen auf Fremdes ist erst einmal Abwehr. Wenn etwas fremd ist, kennen wir es nicht, und was wir nicht kennen, macht uns oft Angst. Wo aber Liebe herrscht, hat es keinen Platz für Angst und Misstrauen. Und genau da liegt, glaube ich, die Herausforderung oder die Grenze: den ersten Reflex, die natürliche Reaktion beiseite zu legen und mit einer liebevollen Offenheit auf sein Gegenüber zuzugehen. Kostet es dich viel Kraft, Grenzen zu überwinden gegenüber Menschen, die anders oder fremd oder vielleicht auch unsympathisch sind oder andere An- sichten haben? Das kommt ganz auf die Situation an. Grundsätzlich glaube ich, dass das Ge- spräch und der Austausch mit anders- denkenden Menschen wichtig ist. Das motiviert mich, fremden oder mir un- sympathischen Menschen aktiv zu be- gegnen. Nur Diskussionen zu führen, in denen alle genau der gleichen Mei- nung sind, bestätigen die eigenen An- sichten, bieten jedoch keinen Raum für Neues oder für Wachstum. Prak- tisch umgesetzt ist das natürlich nicht immer so einfach. Ich habe Mühe mit Menschen, die andere als weniger wert- voll als sich selbst betrachten, sei das aufgrund des Einkommens, der Herkunft oder der Lebenswei- se. Auch ich selbst ertappe mich immer wieder in solch negativen Mustern. Also ja, manchmal kos- tet es mich viel Kraft.
Aimée war von Oktober bis Juli als Kurzzeiterin in Guinea. Ein Ausschnitt aus einem Interview mit ihr über Grenzen, Hautfarben und bedingungslose Liebe. Wie bist du in Guinea gelandet? Anscheinend hatte Gott beschlossen, meine Ansichten über interkulturelle Einsätze auf den Kopf zu stellen. Von al- len Seiten her wurde ich mit demThema Einsatz konfrontiert. Gleichzeitig lern- te ich einen guten Freund kennen, der Moslem ist und mich durch intensive Diskussionen mit dem Islam in Berüh- rung gebracht hat. Im Nachhinein sehe ich, wie Gott mich schon lange auf die- sen Einsatz hier in einem muslimischen Gebiet vorbereitet hat. Ich weiss jetzt:
(v.l.n.r.) Annet, Aimée, Véronique; neue Freundschaften wurden geknüpft
Für Gott unterwegs sein bedeutet, Got- tes Liebe zu leben und zu teilen. In ihr gibt es keinen Raum für Druck oder Zwang. Sie ist das natürliche Produkt eines Lebens mit Christus, wozu wir be- rufen sind. Die Liebe lässt keinen Raum für Manipulation, Berechnung oder Gier, sondern sie befreit Menschen. Du arbeitest jetzt mit Fremden, hast du dich jemals selbst als Fremde gefühlt? Ja sehr oft. Ich glaube, daher kommt auch mein Mitgefühl für Menschen, die sich fremd fühlen. Als eine kultu- rell gemischte Person, das heisst in mei- nem Fall als Kind einer Schweizer Mut- ter und eines kongolesischen Vaters,
Du hast gerade eine gekürzte Version des In- terviews gelesen. Lese hier weitere spannen- de und zumNachdenken anregende Gedan- ken von Aimée auf unserem Blog:
Aimée M. Ehemalige Kurzzeiterin ActionVIVRE Süd, Guinea
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