beyond 02|2025

Armut erkennen, Chancen eröffnen

2025 02

INTERNATIONALE IMPULSE FÜR DIE JUGENDARBEIT

IM FOKUS Armut erkennen, Chancen eröffnen

FORSCHUNG DER GLOBAL YOUTH PARTICIPATION INDEX

UKRAINE EUROPÄISCHE JUGEND- ARBEIT IN STÜRMISCHEN ZEITEN

EDITORIAL

Liebe Leser*innen, Internationale Jugendarbeit und Armut – passt das überhaupt zusammen? Oft haftet dem Arbeitsfeld der Ruf an, nur etwas für ohnehin privilegierte junge Menschen zu sein. Ein Austauschjahr in den USA, ein Freiwilligendienst in Australien – das macht sich gut im Lebenslauf und verschafft Vor ­ teile bei künftigen Bewerbungen. Umgekehrt zei­ gen Studien, wie zum Beispiel die Zugangsstudie zum internationalen Jugendaustausch: Wer nicht auf der Sonnenseite des Lebens steht, hält inter­ nationale Erfahrungen oft für unerreichbar – zu teuer, zu kompliziert, „nicht für mich gemacht“. Dabei wissen wir, dass es gerade diese jungen Menschen sind, die am meisten von internatio­ nalen Erfahrungen profitieren. Für diese Aus ­ gabe von beyond mit dem Schwerpunktthema Armut haben wir nachgefragt – bei Wissenschaft- ler*innen, Expert*innen, Praktiker*innen der Jugendarbeit und natürlich bei jungen Menschen selbst, die den Schritt gewagt und eine prägende Zeit im Ausland erlebt haben. „Ich habe mich zum ersten Mal wirklich frei und unabhängig gefühlt“, sagte uns Angelina, die für ein Jahr in den USA war. Und Monique, die auf einer Selbstversorger-Farm mit Menschen mit Beeinträchtigungen gearbeitet hat, sagte: „Ich habe gelernt, dass ich sein kann, wie ich bin und dass ich mich auf andere verlas­ sen kann“. Warum also erleben nicht mehr Jugendliche sol­ che Momente? Weil solche Erfahrungen nicht von allein entstehen. Sie brauchen Zeit, Vertrauen – und Menschen, die junge Leute auf ihrem Weg begleiten. „Wir bereiten unsere Jugendlichen ein Jahr lang auf den Austausch vor – und ich sehe, wie unglaublich motiviert sie sind“, berichtet Do­ minika Goghova, die in einem Stadtteilzentrum in Bratislava vor allem mit jungen Roma arbeitet. Sie ist davon überzeugt: „Tatsächlich verändert der Austausch das Leben junger Menschen, da­ von profitieren sie am meisten“.

Doch manchmal sind es ganz praktische Hürden, die im Weg stehen: „Was soll ich anziehen?“ – für manche klingt das banal, für andere ist es eine echte Sorge. Wer nur wenige Kleidungsstücke be­ sitzt, dessen Garderobe reicht nur für ein paar Tage und ist nicht unbedingt reisetauglich. Und wohin mit den persönlichen Dingen, wenn man aus der Stationären Jugendhilfe kommt und nicht weiß, wo man sie während einer Reise ins Ausland einla­ gern soll? Oft müssen solche Hürden erst erkannt werden und viele junge Menschen reden nicht gerne darüber. „Scham ist ein großes Hindernis“, weiß Volker Rohde von der Bundesarbeitsge ­ meinschaft Offene Kinder- und Jugendarbeit. Um solche Barrieren zu erkennen und dafür Lösungen zu finden, braucht es Zeit, Personal, kreative Ideen – und oft auch finanzielle Mittel. Es braucht auch den politischen Willen und Trä­ ger, die gezielt Angebote für benachteiligte junge Menschen entwickeln. „Zu den Gelingensbedin­ gungen zählt auch, das Bewusstsein über die Bedeutung der Teilhabechancen für junge Men­ schen aus benachteiligten Verhältnissen durch niedrigschwellige internationale Maßnahmen für und mit jungen Menschen zu entwickeln und um­ zusetzen.“, betont Volker Rohde. Ganz gleich, in welchem Bereich der Kinder- und Jugendhilfe Sie arbeiten – lassen Sie sich von dieser beyond-Ausgabe inspirieren, neue Wege zu gehen. Wege, die junge Menschen stärken, ihnen Vertrauen schenken und ihre Welt größer machen. Damit internationale Erfahrungen von einem Privileg für wenige zu einer Chance für alle werden.

Daniel Poli, Direktor von IJAB

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr Daniel Poli

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Inhalt

IM FOKUS: Armut erkennen, Chancen eröffnen Kinder- und Jugendarmut: Wettlauf mit ungleichen Startbedingungen

Forschung

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Der Global Youth Participation Index: ein Blick auf die sozioökonomische Dimension 34 Interview mit Brit Anlar Wandel durch digitale Elemente 40 Natali Petala-Weber und Ulrike Werner Forum 42

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Dr. Irina Volf Armut: unsichtbare Hürde in der Internationalen Jugendarbeit Mareike Ketelaar Scham ist ein großes Hindernis Interview mit Volker Rohde „Früher hätte ich in einer solchen Situation aufgegeben“ Interview mit Marie Kaiser, Monique, Angelina und Fentje Ein eigenes Bett ist das Paradies

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Argumentieren mit Herz – jetzt auch als Printausgabe  Christoph Bruners Europäische Jugendarbeit in stürmischen Zeiten

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Christian Herrmann Termine Januar bis Juni 2026 Impressum 

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Interview mit Bruno Miguel Costa Batista und Dominika Goghova Ich packe meinen Koffer und nehme mit … … alles, was ich nicht habe 

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Manuela Demel Hürden und Gelingensfaktoren 

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IM FOKUS

Im Fokus: Armut erkennen, Chancen eröffnen

„Jugendhilfe soll […] junge Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung fördern und dazu beitragen, Benachteiligungen zu vermeiden oder abzubauen.“ So steht es im SGB VIII – und es bleibt ein klarer Auftrag. Hinter dem Begriff „Benachteiligung“ steckt oft etwas sehr Konkretes: Armut. Und Armut meint weit mehr als fehlende materielle Ressourcen. Sie zeigt sich auch in eingeschränkten Zugängen zu den Möglichkeiten, die unsere Gesellschaft bietet – zu Bildungschancen, zu Teilhabe, zu Perspektiven. Internationale Jugendarbeit ist eine solche Chance. Sie kann jungen Menschen Erfahrungen ermöglichen, die ihre persönliche und soziale Entwicklung stärken. Dafür ist es notwendig, Hürden als solche zu erkennen und abzubauen.

IM FOKUS – Armut erkennen, Chancen eröffnen

Kinder- und Jugendarmut: Wettlauf mit ungleichen Startbedingungen

Dr. Irina Volf

Armut prägt Lebenswege von Anfang an und verschließt jungen Menschen Türen, die anderen weit offenstehen. Irina Volf, Politologin und promovierte Psychologin, leitet das Institut für Sozial­ arbeit und Sozialpädagogik e. V. in Frankfurt. In ihrem Beitrag zeigt sie, wie strukturelle Ungleich­ heit Chancen raubt, unsere Demokratie schwächt – und warum Politik und Pädagogik gemeinsam handeln müssen, damit kein Kind zurückbleibt.

Was bedeutet „Armut“? Armut lässt sich auf verschiedene Weisen fassen: objektiv, über das Einkommen eines Haushalts, und/oder subjek­ tiv, über die tatsächlichen Möglichkeiten, ein Leben nach den in der Gesellschaft üblichen Standards zu führen. Die EU definiert relative Armut, wenn „Einzelpersonen, Familien und Personengruppen, die über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedsstaat, in dem sie leben, als Minimum hinnehm­ bar ist“. 1 Gemessen wird Armut auf Basis eines mittleren bedarfsgewichteten Nettoeinkommens. Menschen, die mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens auskommen müssen, werden als armutsgefährdet definiert. Laut Mikrozensus-Kern waren Ende 2023 in Deutschland 14,1 Millionen Menschen davon betroffen; darunter 2,9 Millionen Kinder und Jugendliche. Beson­ ders hoch ist das Risiko für Ein-Eltern-Familien, kinderrei­ che Familien sowie junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 25 Jahren. Regionale Unterschiede sind gravie­

Es gibt einen Kurzfilm, der bei mir bereits in den ersten Sekunden eine starke körperliche Reaktion auslöst: „Kin­ derarmut“, produziert im Jahr 2018 von Schüler*innen des Beethoven-Gymnasiums Berlin im Rahmen der Ini­ tiative Offene Gesellschaft. In diesem Film inszenieren junge Menschen die Erkenntnisse der Armutsforschung und bringen diese mit erschütternder Klarheit auf den Punkt: Das Leben junger Menschen in Deutschland gleicht einem Wettrennen mit ungleichen Startbedin­ gungen. Schmerzhaft ist das Dargestellte für mich nicht nur deshalb, weil ich selbst in Armut aufgewachsen bin. Es schmerzt vor allem, weil Kinderarmut knapp drei Millionen junger Menschen in Deutschland betrifft und tiefergreifende Spuren in unserer Gesellschaft hinter­ lässt – mit Ergebnissen, die allzu vorhersehbar sind. An Erkenntnissen mangelt es nicht. Was fehlt, ist zum einen politische Entschlossenheit, Kinderarmut wirksam zu bekämpfen, und zum anderen die Verankerung armuts ­ sensiblen Handelns als Grundhaltung in der Kinder- und Jugendarbeit. Doch was ist (Kinder-)Armut? Wie entsteht sie und welche Wege gibt es, Kinder- und Jugendarmut zu bekämpfen?

1 Europäische Gemeinschaften, Beschluss des Rates vom 19. Dezember 1984 über gezielte Maßnahmen zur Bekämpfung der Armut auf Gemeinschaftsebene, Art. 1 (2).

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rend: In Ostdeutschland und in strukturschwachen Regi­ onen Westdeutschlands ist das Armutsrisiko besonders hoch. Städtische Ballungsräume zeigen teils extreme soziale Polarisierung: Wohlstand und Armut liegen hier oft nur wenige Straßen voneinander entfernt. Während relative Armutsdefinition an konkrete, mess ­ bare Einkommensgrenzen gebunden ist, verdeutlichen solche Konzepte wie der Ressourcenansatz, der Depri­ vationsansatz, der Capability Approach oder der Lebens­ lagenansatz, dass Armut primär eine Form der Unter­ versorgung ist – sei es mit materiellen Gütern oder mit realen Teilhabe- und Handlungsmöglichkeiten. Der Lebenslagenansatz ist dabei am besten geeignet, um individuelle Armutsfolgen systematisch zu erfassen. Mit­ hilfe des Lebenslagenansatzes wird verdeutlicht: Armut betrifft nicht nur materielle Versorgung, sondern auch soziale Beziehungen, kulturelle Erfahrungen sowie die physische und psychische Gesundheit. 2 Warum Kinder- und Jugendarmut auf hohem Niveau verharrt? Ein erster Schritt zum Verständnis von Kinder- und Jugendarmut ist die Einsicht: Betroffen sind vor allem ganze Familien. Es gibt also keine armen Kinder allein, sondern Kinder, die in Familien aufwachsen, die von Armut betroffen sind. Familien können durch Schick ­ salsschläge wie Unfälle, Erkrankungen, Trennung oder

Arbeitslosigkeit von heute auf morgen in finanzielle Not geraten. Diese Ereignisse sind jedoch nicht die eigent­ lichen Ursachen von Armut, sondern Auslöser, die Familien in Situationen bringen können, in denen die strukturellen Hürden schnell übermächtig werden. Ein Beispiel: Maria ist Frisörin in Teilzeit, verheiratet und erwartet ihr zweites Kind – Elias. Nach der plötzlichen Erkrankung ihres Mannes muss sie zusätzlich dessen Pflege übernehmen. Nun reicht das Einkommen nicht mehr aus, um Miete, Lebensmittel und notwendige Medikamente zu bezahlen. Der Schicksalsschlag – die Erkrankung ihres Mannes – hat die finanzielle Stabilität der Familie zerstört und sie vor neue Herausforderun­ gen gestellt. Ob die Familie wieder Tritt fasst, hängt von vielen Faktoren ab. Sie ist nun einem hohen Risiko aus­ gesetzt, von Armut betroffen zu sein. Die langfristige Armut entsteht durch strukturelle Fak­ toren wie niedrige Löhne, prekäre Beschäftigung, hohe Mieten, fehlende Unterstützungsangebote vor Ort sowie komplizierte Anträge und bürokratische Hürden bei Antragsstellungen für Sozialleistungen. Das selektive deutsche Bildungssystem verstärkt soziale Ungleich­ heiten, statt sie auszugleichen. Transferleistungen wie das Bürgergeld reichen oft nicht aus, um betroffenen Kindern und Jugendlichen eine adäquate soziale und kulturelle Teilhabe zu ermöglichen. Leistungen für Bildung und Teilhabe erreichen viele Familien nicht.

2 Für mehr Information siehe Volf, Irina (2024): Lebenslagenansatz in Kindertageseinrichtungen. Impulse zur praktischen Anwendung. Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V.

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Diese und viele andere Faktoren sorgen dafür, dass Hilfen nicht dort ankommen, wo sie gebraucht werden und Familien wie Marias auf der Strecke bleiben. Kinder- und Jugendarmut ist also kein individuelles Versagen. Sie ist Ausdruck struktureller Ungleichheit, die infolge komplexer politischer Entscheidungen entsteht und dazu führt, dass die Kinderarmutsquote in Deutschland auf hohem Niveau stagniert. Was ist denn mit Elias? Direkt bei der Geburt erwartet ihn ein Parcours voller Hürden. Ein Parcours voller Hürden Von Geburt an stehen für armutsbetroffene Kinder wie Elias Hürden auf der Laufbahn, die viele gar nicht wahrnehmen. Schon bei der Geburt sind Kinder in von Armut betroffenen Familien ungünstigen Umweltbe ­ dingungen ausgesetzt: vorgeburtlicher Stress, beengte Wohnverhältnisse, fehlende Ressourcen für eine gesun­ de Ernährung und chronisch belastete Eltern, die ihnen u. a. aufgrund der prekären finanziellen Lage nicht die notwendige Zuwendung und Stimulation für eine altersangemessene Entwicklung bieten können. Zudem erschweren fehlende Zugänge zur institutionellen Betreuung den Start. Wird diese Hürde genommen, stol­ pern sie im Kindergarten über zahlreiche Nachteile und mangelnde talentorientierte Förderung. In der Schule türmen sich die Hindernisse höher: kein Geld für ange­ messene Ausstattung, Nachhilfe oder Klassenfahrten. Später, in der Jugend, warten weitere Barrieren – eigene Armut wird den jungen Menschen bewusst; Mithalten mit den Gleichaltrigen scheint unmöglich zu sein; auf der Tagesordnung steht die Suche nach Nebenjobs anstatt Bildungs- und Auslandsangebote; der Bewegungsradius und die Netzwerke sind klein; nicht selten fehlen ihnen Vorbilder, die Halt und Orientierung geben können. Während junge Menschen aus finanziell stabilen Fami ­ lien fast frei sprinten können, kämpfen sich junge Men­ schen aus von Armut betroffenen Familien über jede einzelne Hürde. Auch noch Grenzen zu überwinden und Angebote der Internationalen Jugendarbeit in Anspruch

zu nehmen, lässt sich kaum realisieren. Am Ende des Parcours liegt das Ziel eines selbstbestimmten Lebens – doch der Weg dorthin ist von Anfang an ungleich schwer. Armut im Kindes- und Jugendalter erhöht das Risiko für spätere Arbeitslosigkeit, chronische Erkrankungen und psychische Belastungen – mit erheblichen Folgekosten für das Gesundheits- und Sozialsystem. Kinderarmut ist allerdings nicht nur ein soziales, sondern auch ein demokratiepolitisches Problem: Der Zusammenhang zwischen sozialer Benachteiligung und politischer Ent­ fremdung ist gut erforscht und empirisch belegt. Die Verfestigung der sozialen Ungleichheit in Deutschland führt dazu, dass sich politische Entfremdung in unteren Einkommensgruppen nicht nur in Misstrauen gegen­ über Institutionen ausdrückt, sondern auch in geringerer politischer Teilhabe und einem wachsenden Gefühl der Machtlosigkeit. Ein Zusammenspiel von wirtschaftlicher Benachteiligung, sozialer Desintegration und politischer Entfremdung gefährdet unsere Demokratie. 3 Armutssensibilität als Voraussetzung für Armutsbekämpfung Bei der Entwicklung von Maßnahmen zur Armutsbe­ kämpfung ist es zwingend erforderlich, zwischen der Bekämpfung von Armutsursachen und Armutsfolgen zu differenzieren. Armutsursachen sollen vor allem mit poli ­ tischen Instrumenten auf der Bundes-, der Landes- und auf kommunaler Ebene bekämpft werden. Armutsfol­ gen sollen dagegen immer individuell, d. h. kindbezogen von der Geburt an und bis zur Arbeitsmarktintegration vorgebeugt und/oder reduziert werden, und zwar dort, wo (pädagogische) Fachkräfte mit den von Armut Betrof­ fenen direkt arbeiten können. Die Bekämpfung von Armutsursachen auf der Bun­ desebene erfordert steuer-, arbeitsmarkt- und famili­ enpolitische Maßnahmen zur Eindämmung prekärer Beschäftigung bzw. zur Sicherung armutsfester Löhne sowie Schaffung von Lohngerechtigkeit zwischen den Geschlechtern. Die zentrale Zielsetzung ist dabei eine

3 Hier beispielhaft dargestellte Armutsfolgen wurden sowohl im Rahmen der AWO-ISS Langzeitstudie zur Kinderarmut als auch im Rahmen der Evaluation des Gelsenkirchener Modellprojekts „Zukunft früh sichern!“ systematisch erforscht. Siehe Volf, Irina/Schipperges, Hannah/Habel, Simone/Laubstein, Claudia/Kalustian, Anita (2023): Armutssensibles Handeln in der Kita. Evaluation des Modellprojekts „Zukunft früh sichern!”. Beltz Juventa, Weinheim. Heinrich, Lea/Volf, Irina (2022): (Über-)Leben mit 28. AWO-ISS Langzeitstudie zur Kinderarmut: Übergang ins junge Er ­ wachsenenalter und Bewältigung der Corona-Krise. Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik, Frankfurt am Main. Volf, Irina/Sthamer, Evelyn/ Laubstein, Claudia/Holz, Gerda/Bernard, Christiane. (2019): Wenn Kinderarmut erwachsen wird… AWO-ISS-Langzeitstudie zu (Langzeit-)Folgen von Armut im Lebensverlauf. Endbericht der 5. AWO-ISS-Studie im Auftrag des Bundesverbands der Arbeiterwohlfahrt. Frankfurt am Main.

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IM FOKUS – Armut erkennen, Chancen eröffnen

Armutssensibles Handeln mit Fokus auf betroffene jun ­ ge Menschen und deren Familien zielt darauf ab, die spezifischen Bedürfnisse und Herausforderungen von Armut betroffenen Kindern und Jugendlichen zu erken ­ nen und angemessen sowie ressourcenorientiert darauf zu reagieren. Es handelt sich dabei nicht um eine zusätz­ liche Aufgabe, sondern um eine Kompetenz pädagogi­ scher Fachkräfte. Armutssensibles Handeln mit Fokus auf die Einrichtun­ gen bedeutet, Armutssensibilität nicht als einmalige Zusatzaufgabe, sondern als einen Prozess zu verstehen. Dieser soll auf verschiedenen Ebenen angestoßen und systematisch umgesetzt werden, um Zugänge für eine gleichberechtigte Teilhabe zu ermöglichen bzw. Barrie­ ren abzubauen. Fazit Maria und Elias stehen stellvertretend für Millionen Menschen in Deutschland, die nicht an fehlender Eigen­ verantwortung scheitern, sondern an Strukturen, die ihnen das Leben schwer machen. Armut bedeutet nicht nur weniger Geld im Portemonnaie, sondern weniger Chancen, weniger Teilhabe und weniger Zukunft. Wenn wir wollen, dass junge Menschen wie Elias nicht ihr Leben lang über zahlreiche Hürden stolpern, sondern selbstbestimmt und gleichberechtigt ihren Weg gehen, dann geht es nicht um ihre persönliche Zukunft, son­ dern um die Zukunft unserer Gesellschaft. Denn eine Gesellschaft, die Millionen Kinder in Armut zurücklässt, schwächt nicht nur deren Chancen, sondern gefährdet ihre eigene demokratische Ordnung. Es braucht politi­ sche Entschlossenheit und armutssensibles Handeln in allen Einrichtungen, damit jedes Kind eine Chance bekommt, frei zu sprinten.

Verbesserung der finanziellen Lage der armutsgefähr ­ deten Familien insgesamt und der Kinder und Jugend­ lichen im Besonderen. Darüber hinaus soll der Bund – als Garant der Verwirklichung der Kinderrechte auf der Basis der UN-Kinderrechtskonvention (zum Beispiel Grundversorgung, Bildung, Spiel und Erholung, gesun­ des Aufwachsen und Schutz) – strukturelle Teilhabe­ defizite ausgleichen und allen Kindern gleichwertige Lebensbedingungen ermöglichen. Auf der Landesebene kommt der Bildungspolitik eine zentrale Bedeutung zu. Es ist auch eine Länderaufgabe, die Armutsbekämp­ fung zu einem politischen Ziel zu erklären und ihre Kommunen in die Lage zu versetzen, Familien, Kinder und Jugendliche durch eine kohärente armutssensib­ le Politik an wichtigen Übergängen präventiv zu unter ­ stützen. Der Kommune kommt die zentrale Bedeutung als Lebensort der jungen Menschen sowie als Garant der sozialen Daseinsvorsorge zu. Schlüssel zum Erfolg sind die lückenlose Verzahnung und Vernetzung der Angebote der Kinder- und Jugendhilfe, flächendeckende Sozialberatungsangebote, zielgruppenorientierte und bedarfsgerechte Quartiers- und Generationsprojekte sowie ein abgestimmtes Konzept zur Unterstützung der Kinder- und Jugendlichen, beginnend mit frühen Hilfen und bis hin zu beruflicher Qualifizierung. Armutsfolgen kann am besten auf kommunaler Ebene, insbesondere in Bildungseinrichtungen sowie in Einrich­ tungen der Kinder- und Jugendhilfe entgegengewirkt werden. Dabei ist die Rolle von pädagogischen Fachkräf­ ten zentral, die direkt mit von Armut betroffenen Kindern, Jugendlichen und deren Familien arbeiten. Armutssensi­ bilität stellt dabei eine Voraussetzung für Bekämpfung der Armutsfolgen dar. Für eine praktische Umsetzung ist die Unterscheidung zwischen Armutssensibilität als eigenständige Kompetenz pädagogischer Fachkräfte und als Qualitätsmerkmal auf struktureller Ebene der (Bildungs-)Einrichtungen für junge Menschen hilfreich:

Kontakt Dr. Irina Volf Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V. Frankfurt a.M. Direktorin, Bereichsleitung Armut www.iss-ffm.de

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Armut: unsichtbare Hürde in der Inter- nationalen Jugendarbeit

Mareike Ketelaar

Armut ist in der Internationalen Jugendarbeit eine oft unsichtbare Hürde. Sie zeigt sich nicht nur in fehlendem Geld, sondern in Alltagsbelastungen, Unsicherheit und Scham – und verhindert so die volle Teilhabe Jugendlicher. Fachkräfte können durch gezielte Begleitung, Vertrauen und niedrig ­ schwellige Angebote Barrieren abbauen und internationale Begegnungen wirklich inklusiv gestalten.

IM FOKUS – Armut erkennen, Chancen eröffnen

Internationale Jugendarbeit will Begegnung, Selbstwirk­ samkeit und Chancengerechtigkeit fördern. Doch für junge Menschen, die in Armut leben, ist der Weg dorthin oft weiter als gedacht. Nicht das Geld selbst ist die größ­ te Barriere, sondern das, was Armut im Alltag bedeutet: Unsicherheit, fehlende Ausstattung, familiäre Verpflich ­ tungen und der Mangel an Vertrauen, willkommen zu sein. Die „Zugangsstudie zum internationalen Jugend­ austausch“ 1 zeigt deutlich, dass finanzielle Aspekte nur einen Teil der Zugangsbarrieren erklären. Besonders bedeutsam sind kulturelle, soziale und institutionelle Hürden, die bestimmte Jugendliche systematisch aus­ schließen. Mehr als fehlendes Geld Wenn Jugendliche nicht an internationalen Projekten teilnehmen, liegt das selten an den Reisekosten. Häu­ fig scheitert es an scheinbar kleinen Dingen: zu wenig passende Kleidung, kein Koffer, kein Reisepass oder die Angst, sich als „arm“ zu erkennen zu geben. Viele befürchten, im Vergleich zu anderen negativ aufzufal ­ len. Wer zuhause gebraucht wird, für die Betreuung von Geschwistern, für Übersetzungen bei Behörden oder um Geld zu verdienen, kann sich kaum vorstellen, einfach „weg“ zu sein. Armut bedeutet oft, dass Verantwortung früh übernommen wird, während Mobilität etwas ist, das man sich leisten können muss – nicht nur finanziell, sondern emotional und sozial. Unsichtbare Grenzen Wie die Sozialwissenschaftlerin Kathrin Klein-Zimmer beschreibt 2 , ist Mobilität eine zentrale Erfahrung von Jugend. Doch nicht alle können sich gleich frei bewegen. Jugendliche aus prekären Lebenslagen erleben Bewe­ gung häufig als Risiko, nicht als Freiheit. Die Angst, an neuen Orten nicht dazuzugehören, verstärkt sich, wenn man kaum Reiseerfahrung hat oder das eigene Umfeld Auslandsaufenthalte als „verschenkte Zeit“ bewer­ tet. In der Internationalen Jugendarbeit zeigt sich das besonders deutlich: Hier treffen unterschiedliche sozi ­ ale Lebensstile und Habitus aufeinander. Wer gelernt hat, sich in einem Umfeld mit knappen Ressourcen zu

behaupten, erlebt andere Codes und Umgangsformen als potenzielle Hürde – auch wenn das Angebot offen und kostenlos ist. Pädagogische Verantwortung und institutionelle Hürden Für Fachkräfte der Internationalen Jugendarbeit ist Armut oft schwer zu erkennen. Sie zeigt sich leise: in Zurückhaltung, Scham, Unsicherheit oder im Abbruch einer Bewerbung. Manche Jugendlichen wirken unmo­ tiviert, obwohl sie schlicht überfordert sind – mit Formularen, der Sprache, der Organisation eines Visums oder der Zustimmung ihrer Eltern. Hinzu kommt, dass Einrichtungen, die mit armutsbetroffenen Jugendlichen arbeiten, häufig weniger Zeit und Personal für individu ­ elle Begleitung haben. Soziale Räume und Unterstützungsnetzwerke sind ent­ scheidend dafür, ob junge Menschen Bildungs- und Teilhabechancen nutzen. Fachkräfte spielen dabei eine Schlüsselrolle: Wenn sie Armut als strukturelle Realität verstehen und gezielt unterstützen, können sie Barrie­ ren abbauen, bevor sie entstehen. Dazu gehört, Jugend­ lichen Sicherheit zu vermitteln, sie ernst zu nehmen und Mut zu machen, eigene Grenzen zu überschreiten – ohne sie zu überfordern. Gelingensbedingungen für echte Teilhabe Teilhabe gelingt, wenn Fachkräfte langfristig begleiten, verlässlich sind und Vertrauen aufbauen 3 . Wichtig ist es, Räume zu schaffen, in denen Armut nicht beschämt, sondern verstanden wird. Dazu gehören: › Verlässliche Begleitung über die gesamte Projekt­ dauer hinweg. › Notfall- oder Unterstützungstöpfe, die auch versteckte Kosten abfedern. › Klare und einfache Kommunikation in Sprache und Verfahren. › Vorbilder und Peer-Mentor*innen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

1 zugangsstudie.de 2 Kathrin Klein-Zimmer: Jugendliches Unterwegssein – lokal, regional, national und transnational. In: Berngruber, Anne; Gaupp, Nora (Hrsg). Erwachsenwerden heute: Lebenslagen und Lebensführung junger Menschen. Stuttgart: Kohlhammer 2021, S. 131–144 3 In einer Austauschrunde mit Praktiker*innen aus der Kinder- und Jugendhilfe kamen viele konkrete Beispiele auf, von denen einige auch in diesem Heft genauer vorgestellt werden.

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Teilhabe gelingt, wenn Fachkräfte langfristig begleiten, verlässlich sind und Vertrauen aufbauen.

› Partizipation: Jugendliche an Planung und Gestaltung beteiligen. › Niedrigschwellige Formate als Einstieg – etwa Kurzreisen oder virtuelle Begegnungen. Solche Ansätze fördern nicht nur die Teilhabe Einzelner, sondern verändern langfristig die Haltung innerhalb von Organisationen: Weg von Defizitorientierung, hin zu echter sozialer Öffnung. Lernen über Armut – als Reflexionsraum für Fachkräfte Internationale Jugendarbeit kann auch für Fachkräfte ein Lernraum sein – besonders, wenn sie mit Jugendlichen arbeiten, die von Armut betroffen sind. Wer Austausch ­ projekte begleitet, erlebt unmittelbar, welche Hürden Jugendliche überwinden müssen, um überhaupt teil­ nehmen zu können. Diese Erfahrungen eröffnen einen Reflexionsraum für die eigene Praxis: Sie machen sicht ­ bar, wie tief Armut in alltägliche Entscheidungen ein­ greift – und wie leicht pädagogische Angebote ungewollt ausschließend wirken.

Wenn Fachkräfte Armut als gesellschaftliche Struktur und nicht als individuelles Defizit begreifen, verändert das ihr Handeln. Internationale Jugendarbeit wird zu einem pädagogischen Resonanzraum, in dem Fachkräfte soziale Ungleichheit in Deutschland differenzierter ver ­ stehen und ihre Arbeit darauf ausrichten. Fazit Armut ist keine Randbedingung, sondern eine Realität, die den Zugang zu Internationaler Jugendarbeit prägt. Sie wirkt leise, durch Unsicherheit, Scham und die Sorge, nicht dazuzugehören. Fachkräfte können diese Hürden sichtbar machen und ihnen aktiv begegnen. Internatio­ nale Jugendarbeit wird so zu einem Ort, an dem nicht nur Ländergrenzen, sondern auch soziale Grenzen in Bewegung geraten.

Kontakt Mareike Ketelaar

IJAB / Geschäftsbereichsleiterin Qualifizierung und Weiterentwicklung der Internationalen Jugendarbeit Mail: Ketelaar@ijab.de

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IM FOKUS – Armut erkennen, Chancen eröffnen

INTERVIEW

Scham ist ein großes Hindernis

Immer mehr junge Menschen sind von Bildungsprozessen abgehängt, können sich das Auslands­ angebot eines Jugendzentrums nicht leisten und schrecken auch davor zurück. Volker Rohde von der BAG Offene Kinder- und Jugendarbeit sagt: Wir müssen die Abgehängten wieder reinholen.

Was soll ich anziehen? beyond: Sie haben gesagt, etwa zwei Drittel der Einrichtungen machen nichts Internationales. Was hindert sie?

beyond: Herr Rohde, wie viele Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) gibt es in Deutschland und wie viele davon machen etwas Internationales?

Volker Rohde: Es sind nach letzten Erhebungen noch etwa 17.500 Einrichtungen. Die Zahlen sind leider rück­ läufig. In früheren Zeiten haben sich zahlreiche Einrich ­ tungen mit unterschiedlichen Maßnahmen an Interna­ tionaler Jugendarbeit beteiligt bzw. diese durchgeführt, auch wenn das nicht immer Begegnungsprogramme, sondern häufig Jugendreisen- und Freizeiten waren. Heutzutage sind es nach meiner Einschätzung maximal ein Drittel, die noch internationale Maßnahmen durch­ führen. Im „Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit“ kommt Prof. Dr. Andreas Thimmel sogar zu der Einschät­ zung, dass sich die Offene Kinder- und Jugendarbeit seit den 1990er Jahren in großen Teilen von der Internationa­ len Jugendarbeit verabschiedet hat.

Volker Rohde: Die alltägliche Arbeit und die Anforderun­ gen sind vielfältiger geworden, auch weil sich die perso­ nelle und wirtschaftliche Ausstattung der Einrichtungen erheblich verschlechtert hat. Die Mitarbeiter*innen sind froh, wenn sie die alltäglichen Anforderungen mit knap­ pen Ressourcen bewältigen können. Da bleibt dann we­ nig Platz für komplexere organisatorische Anforderungen und Planungen, erst recht, wenn dann die Existenz der Einrichtungen regelmäßig grundsätzlich infrage gestellt wird. Zudem können viele Familien der Besucher*innen der Einrichtungen die Kosten für größere Maßnahmen und Angebote nicht aufbringen. Mitarbeitende und Familien schrecken unter diesen Voraussetzungen davor zurück, sich entsprechende Unterstützung zu organisie­ ren, zumal die Zugänge hierzu nicht so zahlreich und nie­ derschwellig sind. Ein Faktor könnte auch sein, dass Ein­ richtungen der OKJA spätestens seit den 1990er Jahren für junge Menschen mit Migrationsgeschichte besonders attraktiv sind und diese durch ihre eigenen regelmäßigen Aufenthalte in ihren Herkunftsländern weniger Bedarf an zusätzlichen Auslandskontakten hatten und zudem auch mit unsicherem Rechtsstatus über weniger Umset­ zungsmöglichkeiten verfügen. Für junge Menschen aus bildungsbenachteiligten Milieus oder Strukturen kommt dann noch das Gefühl mangelnder Sprachkenntnisse hinzu. Besonders in Bezug auf die Angebote der Inter­ nationalen Jugendarbeit in der OKJA zeigen sich dement­ sprechend die Auswirkungen jahrzehntelanger struktu­ reller Armut und Chancenungleichheit sowie verringerter Ressourcen in den Einrichtungen der OKJA.

beyond: Was motiviert Einrichtungen oder besser gesagt, was motiviert die Mitarbeiter*innen?

Volker Rohde: Die Motivation kommt in der Regel aus dem persönlichen Zugang, aus eigenen Erfahrungen und dem Interesse, selbst Menschen aus anderen Län­ dern kennenzulernen. Diese Motivation übertragen die Mitarbeiter*innen auf die Arbeit in ihren Einrichtungen. Als Zugang können auch Städtepartnerschaften eine Rolle spielen. Fachpolitisch war es in den Anfängen der OKJA der Aspekt der Friedenssicherung, als Konsequenz aus den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und der Nazi-Diktatur. Zwischenzeitlich spielten dann ein enger zusammengewachsenes Europa bzw. die sich allgemein verbessernden globalen Austauschmöglichkeiten eine bedeutende Rolle. Für die an Internationaler Jugend­ arbeit interessierten Mitarbeiter*innen ist zudem eine wesentliche Motivation, jungen Menschen, denen die Möglichkeiten zu internationalen Kontakten fremd sind, entsprechende Chancen bzw. Möglichkeiten und Erfah­ rungen mit verschiedenen kulturellen Lebensweisen auch über Landesgrenzen hinweg zu ermöglichen.

beyond: Was bedeutet das aus der Perspektive der jugendlichen Besucher*innen?

Volker Rohde: Junge Menschen aus finanziell schlecht gestellten Familien bzw. Milieus verfügen über keine

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IM FOKUS – Armut erkennen, Chancen eröffnen

Es ist wichtig, dass junge Menschen auch Erfahrungen außerhalb ihrer gewohnten Umgebung im Quartier ma­ chen können. Insbesondere die Einrichtungen der OKJA können hierzu durch ihre Nähe zu den jungen Menschen in ihrem Milieu, ihrer Lebenswelt- und Sozialraumori­ entierung und der Partizipation junger Menschen einen besonderen Beitrag leisten und über diese Wege die Neugier auf Auslandsbegegnungen und -erfahrungen wecken.

oder weniger internationale Erfahrungen und sind damit auch von Prozessen abgehängt, die sie persönlich und für ihre berufliche Entwicklung qualifizieren könnten. Die Teilhabebarrieren werden höher und das Gefühl der strukturellen Benachteiligung steigt. Das macht sich dann auch bei vermeintlich banalen Rahmenbedingun­ gen bemerkbar. Einige von Armut betroffene Eltern bzw. Familien haben Sorge, dass ihre Kinder nicht über eine adäquate Ausstattung z. B. bei der Kleidung verfügen. Neben der finanziellen Belastung werden dann auch aus Scham Möglichkeiten von mehrtägigen Aufenthal­ ten außerhalb der Familie nicht weiterverfolgt, erst recht, wenn es sich um Aufenthalte im Ausland handelt. Der­ artige Hindernisse werden häufig unterschätzt, weil es die meisten Menschen für selbstverständlich halten, für eine Reise vernünftig ausgestattet zu sein. Es bedeutet aber auch, dass die bestehenden Potenziale vieler junger Menschen nicht gefördert, bzw. auch nicht in die Inter­ nationale Jugendarbeit eingebracht werden können. Dies gilt beispielsweise für die Potenziale junger Menschen mit Migrationsgeschichte. Die BAG Offene Kinder- und Jugendarbeit ist deshalb über den Abbau von Hindernis­ sen und die Einbindung der Potenziale besonders daran interessiert, die Ressource der Internationalen Jugendar­ beit auch für junge Menschen zu ermöglichen, die hier­ von abgehängt sind, bzw. sich hiervon abgehängt fühlen. Die Abgehängten wieder reinholen beyond: Wenn man sich in Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit umschaut, fragt man sich unwillkürlich, ob die jungen Menschen nicht etwas ganz anderes brauchen als unbedingt einen Auslands ­ aufenthalt. Volker Rohde: Selbstverständlich werden strukturelle Teilhabebenachteiligungen nicht allein durch verbes­ serte Chancen bei Auslandsaufenthalten beseitigt. Aller­ dings können über die Kinder- und Jugendarbeit bewirk­ te verbesserte Teilhabemöglichkeiten einen wichtigen Beitrag für bessere Entwicklungsmöglichkeiten leisten. Dazu gehören dann beispielsweise neben der Teilhabe an Bildungsmöglichkeiten oder an Angeboten der Stadt­ gesellschaft auch die Chance zur Teilhabe an Auslands­ aufenthalten und internationalen Kontakten und Begeg­ nungen.

beyond: Was kann getan werden, um diese Neugier zu wecken?

Volker Rohde: Ausgangspunkt sollte es sein, vor Ort in den Einrichtungen das Interesse und die Neugier auf Auslandskontakte zu wecken, indem eigene Erfahrungen oder spezielle Vorstellungen hierzu mit den jungen Men ­ schen thematisiert werden und die Mitarbeiter*innen selbst „Lust“ auf internationale Maßnahmen haben. Ei­ gene Auslandsaufenthalte oder Erfahrungen aus Migra­ tionszusammenhängen können hierzu gut aufgegriffen werden. Ebenso der offene Umgang, wo Hindernisse bestehen und wie diese überwunden werden können. Um daraus gegebenenfalls entsprechende Maßnahmen zu entwickeln, benötigt es die Unterstützung des Trägers, entsprechende finanzielle Ressourcen und Informati ­ onen über Partnerschaftsmöglichkeiten im jeweiligen Land sowie Fördermöglichkeiten, um auch in finanziell benachteiligte Strukturen attraktive Angebote entwi­ ckeln zu können. Zu den Gelingensbedingungen zählt meines Erachtens allerdings auch, das Bewusstsein über die Bedeutung der Teilhabechancen für junge Menschen aus benachteiligen Verhältnissen durch niedrigschwelli ­ ge internationale Maßnahmen für und mit jungen Men­ schen zu entwickeln und umzusetzen und hierfür die Vo ­ raussetzungen auf allen Ebenen zu schaffen.

Kontakt Volker Rohde Bundesarbeitsgemeinschaft Offene Kinder- und Jugendarbeit Geschäftsführer Mail: volker.rohde@bag-okja.de

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IM FOKUS – Armut erkennen, Chancen eröffnen

INTERVIEW

„Früher hätte ich in einer solchen Situation aufgegeben“ Marie Kaiser von der Kreuzberger Kinderstiftung sagt: „Jeder junge Mensch sollte die Möglichkeit haben, seinen Traum von einer Auslandserfahrung zu verwirklichen“. Monique, Angelina und Fentje haben ihre Träume wahr gemacht und waren – nachdem sie Einrichtungen der Stationären Jugend ­ hilfe verlassen hatten – mit Unterstützung der Kreuzberger Kinderstiftung im Ausland. Sie beschreiben diese Erfahrung als Meilenstein in ihrem Leben.

„Ich wollte auch was Schönes erleben“

beyond: Frau Kaiser, ihr Projekt heißt „Careleaver Weltweit“. Was ist ein Careleaver und was bieten Sie ihnen an? Marie Kaiser: Careleaver ist die Selbstbezeichnung für junge Erwachsene, die einen Teil ihres Lebens in öffent ­ licher Erziehung – z. B. in Wohngruppen oder Pflege­ familien – verbracht haben und sich am Übergang in ein eigenständiges Leben befinden. Wir unterstützen sie mit Stipendien beim gleichberechtigten Zugang zu Pro­ grammen für Auslandsaufenthalte. Den Wunsch nach Auslandserfahrungen gibt es auch in der Jugendhilfe und jeder junge Mensch sollte die Möglichkeit haben, dass dieser Traum wahr wird. Wer Lust hat ins Ausland zu ge­ hen, den unterstützen wir bedarfsgerecht und persönlich.

beyond: Monique, Angelina, Fentje, was habt ihr im Ausland gemacht?

Monique: Ich war in den USA auf einer Selbstversorger- Farm und habe dort in meinem Freiwilligendienst mit Menschen mit Beeinträchtigungen gearbeitet. Ich bin Erzieherin und diese Arbeit hat mich davon überzeugt, dass ich unbedingt etwas Soziales machen möchte, also zum Beispiel mit Menschen mit Beeinträchtigungen zu arbeiten.

beyond: Wie ist es dazu gekommen?

Monique: Eine Freundin, die TikTok zur Aufklärung über „Kinderheime“ nutzt, hat mir über Instagram den Tipp ge­ geben, wo ich mich melden kann, um ins Ausland zu ge­ hen. Ich wollte das unbedingt, aber ich hatte keine Res­ sourcen und keine Unterstützung. Sie hat mir dann von Careleaver Weltweit erzählt und dass ich ihnen einfach auf Instagram schreiben kann.

beyond: Was ist das Besondere an dieser Unter­ stützung?

Marie Kaiser: Es ist eine ganzheitliche Unterstützung. Wir helfen dabei, das richtige Programm zu finden, ob ein Kurzzeitprogramm das Richtige für die betreffende Person ist oder ein Auslandsschuljahr. Wir wissen, was die Schwierigkeiten sind, wir bieten emotionalen Rück­ halt und helfen dabei, finanzielle Hürden zu überwinden.

Fentje: Ich war bei einem Umweltprojekt in Süditalien, bei dem wir unter anderem Schildkröten geschützt haben.

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beyond 2|2025

„Ich kann jetzt das Positive im Negativen finden“

Ich hatte gerade mein Abi gemacht und habe meine Mitschüler*innen beneidet, die alle wegfahren konnten. Ich wollte auch was Schönes erleben.

beyond: Was hat sich durch den Auslandsaufenthalt für euch geändert?

beyond: Wie war es in Italien?

Fentje: Es war eine ziemlich wilde Reise und wir hatten auch noch mit einem Krankheitsausbruch zu kämpfen. Wir haben während des Workcamps in einem kleinen Dorf gelebt und waren eine internationale Gruppe. Ich habe viel über Schildkröten und auch über Italien gelernt. Wir haben an den Stränden den Müll aufgesammelt und haben von den Leuten viel positives Feedback dafür be­ kommen. Natürlich haben wir danach auch immer das glasklare Wasser genossen. Mit einer Freundin in Paris bin ich immer noch in Kontakt und habe sie dort schon besucht. Angelina: Ich habe ein Highschool-Jahr in Colorado, USA, verbracht – eine Erfahrung, die mein Leben nachhaltig bereichert hat. Mit meinen Gasteltern durfte ich zwei wundervolle Menschen kennenlernen, die mich bis heu­ te auf meinem Weg unterstützen und mir ein friedliches, familiäres Umfeld geboten haben. Dort habe ich mich zum ersten Mal wirklich frei und unabhängig gefühlt. Na­ türlich gab es auch Herausforderungen, doch diese wa­ ren deutlich leichter zu bewältigen als jene, die ich zuvor in meinem familiären Umfeld erlebt hatte.

Monique: Einfach alles. Ich habe eine andere Kultur ken­ nengelernt, es ist für mich einfacher und verständlicher geworden, wie ich mit Menschen mit Beeinträchtigungen zusammen lernen kann, ich kann auf die Gefühle anderer Menschen eingehen. Ich kann jetzt das Positive im Nega­ tiven finden – das habe ich früher nie geschafft. Ich habe gelernt, dass ich sein kann, wie ich bin und dass ich mich auf andere verlassen kann. Meine ganze Sichtweise hat sich geändert. Fentje: Bei mir war es ein Kurzaufenthalt, das ist etwas anderes, als für ein Jahr wegzugehen. Aber ich glaube trotzdem, dass es ein Meilenstein in meinem Leben war. Als Careleaverin kann man ja auch negative Erfahrungen machen. Das war bei mir nicht der Fall und das liegt auch an der Kreuzberger Kinderstiftung. Von den Mitarbeite ­ rinnen habe ich mich immer ernst genommen gefühlt. Die Begleitung war auf meine Bedürfnisse abgestimmt. Das hat mir geholfen, trotz des Krankheitsausbruchs die ganze restliche Reise genießen zu können.

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IM FOKUS – Armut erkennen, Chancen eröffnen

Marie Kaiser: Unsere Beratungsgespräche sind auch immer ein Prozess. Wir fragen nach, ob sich eine Person auch etwas anderes vorstellen kann, als ins Ausland zu gehen, wenn wir den Eindruck haben, dass es noch zu früh ist.

Monique: Ich kann heute schneller akzeptieren, dass Menschen etwas Gutes wollen. Etwas wie die Kreuzber­ ger Kinderstiftung war weit weg von meiner Realität. Ich bin von Heim zu Heim durchgereicht worden und war ei­ gentlich allen egal. Was ich gelernt habe, möchte ich als Erzieherin weitergeben. „Wir begleiten alle Stipendiat*innen individuell“ beyond: Wie macht ihr das? Wie unterstützt ihr konkret? Marie Kaiser: Das Careleaver-Weltweit-Stipendium wur­ de zusammen mit Careleavern geschrieben. Dabei wur­ den die ganz spezifischen Bedarfe deutlich. Das kann zum Beispiel das Geld für einen Lagerraum sein, in dem persönliche Gegenstände während der Zeit im Ausland eingelagert werden können oder die Begleitung zum Flughafen durch eine*n Mentor*in am Tag der Abreise. Bei uns werden aber auch die Stipendienentscheidun­ gen partizipativ durch unser Auswahlgremium getroffen. Angelina: Ich bin Teil des Auswahlgremiums. Gemein­ sam treffen wir im Team Entscheidungen individuell und fair, auf jede Person zugeschnitten. Da wir selbst alle Stipendiat*innen waren, kennen wir die unterschied­ lichen Herausforderungen und Hürden aus eigener Er­ fahrung – und können daher differenzierter urteilen.

beyond: Könnt ihr Beispiele für die Unterstützung geben?

Monique: Bei mir war es zum Beispiel so, dass ich, wäh­ rend ich in den USA war, meine Wohnung an einen Freund untervermietet habe, der dann einfach die Miete nicht bezahlt hat. Ohne die Unterstützung vom Stipen­ dium hätte ich bei meiner Rückkehr ohne Wohnung da­ gestanden. Früher hätte ich in einer solchen Situation aufgegeben, aber so habe ich durchgehalten. Marie Kaiser: Wir begleiten alle Stipendiat*innen in­ dividuell. Außerdem bekommen sie jeweils eine*n ehrenamtliche*n Mentor*in an die Seite gestellt. So wird die Begleitung noch persönlicher und es kann auf die ver­ schiedensten Bedarfe eingegangen werden. Das reicht vom Teilen positiver und negativer Erfahrungen bis hin zum Lösen von Problemen mit Behörden oder auch einer gemeinsam geschriebenen Packliste. Was wichtig ist: Alle unsere Mentor*innen waren selbst im Ausland und ken­ nen die Probleme, die auftauchen können. Was so bei uns im Stipendium entsteht, ist eine Unterstützung, die internationale Mobilität erst möglich macht.

beyond: Das bedeutet auch, dass ihr manchmal Anträge ablehnen müsst?

Kontakt Marie Kaiser Kreuzberger Kinderstiftung Mail: kaiser@kreuzberger-kinderstiftung.de www.kreuzberger-kinderstiftung.de

Angelina: Ja, im Zweifelsfall leider schon – und das ist nie ein schönes Gefühl. Dennoch versuchen wir, die Person zu ermutigen, nicht aufzugeben und ihren eigenen Weg weiterzugehen.

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Die Kreuzberger Kinderstiftung ermöglicht Careleavern mit ihrem Stipendium einen gleichberechtigten Zugang zu Auslandsformaten

IM FOKUS – Armut erkennen, Chancen eröffnen

INTERVIEW

Ein eigenes Bett ist das Paradies

Erfahrungen mit Jugendaustausch in Portugal und der Slowakei

Bruno Miguel Costa Batista ist Jugendarbeiter in Lissabon, Dominika Goghova ist Jugendarbeiterin in Bratislava – die entgegengesetzten Enden von Europa. Bruno arbeitet mit jungen Menschen und Einwander*innen aus den ehemaligen portugiesischen Kolonien, Dominika mit jungen Menschen aus benachteiligten Gemeinschaften, darunter viele Roma. Gewalt, Drogen, Armut und Ausgrenzung sind Teil des Lebens dieser jungen Menschen. Aber der Jugendaustausch motiviert sie, etwas zu ändern. Bruno sagt: „Der Jugendaustausch gibt ihnen ihre Würde zurück.“

beyond: Dominika, Bruno, beschreibt uns doch bitte, was ihr macht.

Gemeinschaftsveranstaltungen zu organisieren, damit sich die Anwohner*innen treffen und Zeit miteinander verbringen können, aber wir versuchen auch, gemein­ sam mit ihnen das Umfeld besser und schöner zu gestal­ ten. So haben wir beispielsweise den ersten Spielplatz in der Nachbarschaft gebaut, aber wir organisieren auch regelmäßig Gemeinschaftsaktionen zur Säuberung der Umgebung. Mir liegt der Jugendaustausch besonders am Herzen. Wir sind Teil des Netzwerks der e.p.a. (European Playwork Association). Innerhalb dieses Netzwerks organisieren wir Jugendaustausche mit sieben Ländern. Der Jugend­ austausch findet immer in einem dieser Länder statt und wird von Erasmus+ gefördert. Ein Jahr lang bereite ich junge Menschen auf den Austausch vor. So entsteht Ver ­ trauen. Die jungen Menschen wissen, dass sie mir ver­ trauen können und ich weiß, dass ich mich auf sie ver­ lassen kann. Bruno Miguel Costa Batista: Ich bin Mitglied der Ju­ gendorganisation Eco-Estilistas. Wir sind im Stadtteil Chelas-Marvila aktiv, dem zweitgrößten Stadtteil Lissa­ bons. Unsere Organisation wurde von sieben Frauen mit dem Ziel gegründet, die Lebensbedingungen der dort lebenden Gemeinschaft zu verbessern. Die meis­ ten Menschen, die hier leben, stammen aus ehemaligen

Dominika Goghova: Ich arbeite für Ulita, eine NGO, die ein niedrigschwelliges Zentrum im Stadtteil Kopčany in Bratislava betreibt. Es ist ein etwas spezieller Stadtteil mit Wohnblöcken und Sozialwohnungen. Hier leben hauptsächlich Menschen mit schwierigen sozialen Be­ dingungen. Die Sozialwohnungen sind eigentlich nur als Übergangslösungen gedacht, die Bewohner*innen soll ­ ten nach maximal fünf Jahren wieder ausziehen. In der Praxis funktioniert das aber nicht und sie bleiben dauer­ haft. Viele von ihnen sind Roma. Mit Freiwilligen bieten wir Hausaufgabenbetreuung an, schaffen einen sicheren Raum ohne Gewalt und Bedro ­ hungen und sind Ansprechpartner*innen von jungen Menschen, wenn sie Probleme zu Hause oder in der Schule haben oder sich das erste Mal verliebt haben. Wir haben auch ein Programm für die Eltern, helfen ihnen, wenn sie sich um eine Arbeitsstelle bewerben und be­ raten sie beim Umgang mit Behörden. Wir leisten auch Straßensozialarbeit und verleihen Sport- und Freizeit­ geräte wie Fahrräder und Skateboards. Wir verbringen Zeit mit Kindern und Jugendlichen aus der Nachbarschaft und sprechen mit ihnen über alles, was in ihrem Leben passiert. Ein Teil unserer Arbeit besteht auch darin,

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