beyond 02|2025

IM FOKUS – Armut erkennen, Chancen eröffnen

Internationale Jugendarbeit will Begegnung, Selbstwirk­ samkeit und Chancengerechtigkeit fördern. Doch für junge Menschen, die in Armut leben, ist der Weg dorthin oft weiter als gedacht. Nicht das Geld selbst ist die größ­ te Barriere, sondern das, was Armut im Alltag bedeutet: Unsicherheit, fehlende Ausstattung, familiäre Verpflich ­ tungen und der Mangel an Vertrauen, willkommen zu sein. Die „Zugangsstudie zum internationalen Jugend­ austausch“ 1 zeigt deutlich, dass finanzielle Aspekte nur einen Teil der Zugangsbarrieren erklären. Besonders bedeutsam sind kulturelle, soziale und institutionelle Hürden, die bestimmte Jugendliche systematisch aus­ schließen. Mehr als fehlendes Geld Wenn Jugendliche nicht an internationalen Projekten teilnehmen, liegt das selten an den Reisekosten. Häu­ fig scheitert es an scheinbar kleinen Dingen: zu wenig passende Kleidung, kein Koffer, kein Reisepass oder die Angst, sich als „arm“ zu erkennen zu geben. Viele befürchten, im Vergleich zu anderen negativ aufzufal ­ len. Wer zuhause gebraucht wird, für die Betreuung von Geschwistern, für Übersetzungen bei Behörden oder um Geld zu verdienen, kann sich kaum vorstellen, einfach „weg“ zu sein. Armut bedeutet oft, dass Verantwortung früh übernommen wird, während Mobilität etwas ist, das man sich leisten können muss – nicht nur finanziell, sondern emotional und sozial. Unsichtbare Grenzen Wie die Sozialwissenschaftlerin Kathrin Klein-Zimmer beschreibt 2 , ist Mobilität eine zentrale Erfahrung von Jugend. Doch nicht alle können sich gleich frei bewegen. Jugendliche aus prekären Lebenslagen erleben Bewe­ gung häufig als Risiko, nicht als Freiheit. Die Angst, an neuen Orten nicht dazuzugehören, verstärkt sich, wenn man kaum Reiseerfahrung hat oder das eigene Umfeld Auslandsaufenthalte als „verschenkte Zeit“ bewer­ tet. In der Internationalen Jugendarbeit zeigt sich das besonders deutlich: Hier treffen unterschiedliche sozi ­ ale Lebensstile und Habitus aufeinander. Wer gelernt hat, sich in einem Umfeld mit knappen Ressourcen zu

behaupten, erlebt andere Codes und Umgangsformen als potenzielle Hürde – auch wenn das Angebot offen und kostenlos ist. Pädagogische Verantwortung und institutionelle Hürden Für Fachkräfte der Internationalen Jugendarbeit ist Armut oft schwer zu erkennen. Sie zeigt sich leise: in Zurückhaltung, Scham, Unsicherheit oder im Abbruch einer Bewerbung. Manche Jugendlichen wirken unmo­ tiviert, obwohl sie schlicht überfordert sind – mit Formularen, der Sprache, der Organisation eines Visums oder der Zustimmung ihrer Eltern. Hinzu kommt, dass Einrichtungen, die mit armutsbetroffenen Jugendlichen arbeiten, häufig weniger Zeit und Personal für individu ­ elle Begleitung haben. Soziale Räume und Unterstützungsnetzwerke sind ent­ scheidend dafür, ob junge Menschen Bildungs- und Teilhabechancen nutzen. Fachkräfte spielen dabei eine Schlüsselrolle: Wenn sie Armut als strukturelle Realität verstehen und gezielt unterstützen, können sie Barrie­ ren abbauen, bevor sie entstehen. Dazu gehört, Jugend­ lichen Sicherheit zu vermitteln, sie ernst zu nehmen und Mut zu machen, eigene Grenzen zu überschreiten – ohne sie zu überfordern. Gelingensbedingungen für echte Teilhabe Teilhabe gelingt, wenn Fachkräfte langfristig begleiten, verlässlich sind und Vertrauen aufbauen 3 . Wichtig ist es, Räume zu schaffen, in denen Armut nicht beschämt, sondern verstanden wird. Dazu gehören: › Verlässliche Begleitung über die gesamte Projekt­ dauer hinweg. › Notfall- oder Unterstützungstöpfe, die auch versteckte Kosten abfedern. › Klare und einfache Kommunikation in Sprache und Verfahren. › Vorbilder und Peer-Mentor*innen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

1 zugangsstudie.de 2 Kathrin Klein-Zimmer: Jugendliches Unterwegssein – lokal, regional, national und transnational. In: Berngruber, Anne; Gaupp, Nora (Hrsg). Erwachsenwerden heute: Lebenslagen und Lebensführung junger Menschen. Stuttgart: Kohlhammer 2021, S. 131–144 3 In einer Austauschrunde mit Praktiker*innen aus der Kinder- und Jugendhilfe kamen viele konkrete Beispiele auf, von denen einige auch in diesem Heft genauer vorgestellt werden.

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