beyond 02|2025

Was soll ich anziehen? beyond: Sie haben gesagt, etwa zwei Drittel der Einrichtungen machen nichts Internationales. Was hindert sie?

beyond: Herr Rohde, wie viele Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) gibt es in Deutschland und wie viele davon machen etwas Internationales?

Volker Rohde: Es sind nach letzten Erhebungen noch etwa 17.500 Einrichtungen. Die Zahlen sind leider rück­ läufig. In früheren Zeiten haben sich zahlreiche Einrich ­ tungen mit unterschiedlichen Maßnahmen an Interna­ tionaler Jugendarbeit beteiligt bzw. diese durchgeführt, auch wenn das nicht immer Begegnungsprogramme, sondern häufig Jugendreisen- und Freizeiten waren. Heutzutage sind es nach meiner Einschätzung maximal ein Drittel, die noch internationale Maßnahmen durch­ führen. Im „Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit“ kommt Prof. Dr. Andreas Thimmel sogar zu der Einschät­ zung, dass sich die Offene Kinder- und Jugendarbeit seit den 1990er Jahren in großen Teilen von der Internationa­ len Jugendarbeit verabschiedet hat.

Volker Rohde: Die alltägliche Arbeit und die Anforderun­ gen sind vielfältiger geworden, auch weil sich die perso­ nelle und wirtschaftliche Ausstattung der Einrichtungen erheblich verschlechtert hat. Die Mitarbeiter*innen sind froh, wenn sie die alltäglichen Anforderungen mit knap­ pen Ressourcen bewältigen können. Da bleibt dann we­ nig Platz für komplexere organisatorische Anforderungen und Planungen, erst recht, wenn dann die Existenz der Einrichtungen regelmäßig grundsätzlich infrage gestellt wird. Zudem können viele Familien der Besucher*innen der Einrichtungen die Kosten für größere Maßnahmen und Angebote nicht aufbringen. Mitarbeitende und Familien schrecken unter diesen Voraussetzungen davor zurück, sich entsprechende Unterstützung zu organisie­ ren, zumal die Zugänge hierzu nicht so zahlreich und nie­ derschwellig sind. Ein Faktor könnte auch sein, dass Ein­ richtungen der OKJA spätestens seit den 1990er Jahren für junge Menschen mit Migrationsgeschichte besonders attraktiv sind und diese durch ihre eigenen regelmäßigen Aufenthalte in ihren Herkunftsländern weniger Bedarf an zusätzlichen Auslandskontakten hatten und zudem auch mit unsicherem Rechtsstatus über weniger Umset­ zungsmöglichkeiten verfügen. Für junge Menschen aus bildungsbenachteiligten Milieus oder Strukturen kommt dann noch das Gefühl mangelnder Sprachkenntnisse hinzu. Besonders in Bezug auf die Angebote der Inter­ nationalen Jugendarbeit in der OKJA zeigen sich dement­ sprechend die Auswirkungen jahrzehntelanger struktu­ reller Armut und Chancenungleichheit sowie verringerter Ressourcen in den Einrichtungen der OKJA.

beyond: Was motiviert Einrichtungen oder besser gesagt, was motiviert die Mitarbeiter*innen?

Volker Rohde: Die Motivation kommt in der Regel aus dem persönlichen Zugang, aus eigenen Erfahrungen und dem Interesse, selbst Menschen aus anderen Län­ dern kennenzulernen. Diese Motivation übertragen die Mitarbeiter*innen auf die Arbeit in ihren Einrichtungen. Als Zugang können auch Städtepartnerschaften eine Rolle spielen. Fachpolitisch war es in den Anfängen der OKJA der Aspekt der Friedenssicherung, als Konsequenz aus den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und der Nazi-Diktatur. Zwischenzeitlich spielten dann ein enger zusammengewachsenes Europa bzw. die sich allgemein verbessernden globalen Austauschmöglichkeiten eine bedeutende Rolle. Für die an Internationaler Jugend­ arbeit interessierten Mitarbeiter*innen ist zudem eine wesentliche Motivation, jungen Menschen, denen die Möglichkeiten zu internationalen Kontakten fremd sind, entsprechende Chancen bzw. Möglichkeiten und Erfah­ rungen mit verschiedenen kulturellen Lebensweisen auch über Landesgrenzen hinweg zu ermöglichen.

beyond: Was bedeutet das aus der Perspektive der jugendlichen Besucher*innen?

Volker Rohde: Junge Menschen aus finanziell schlecht gestellten Familien bzw. Milieus verfügen über keine

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