beyond 02|2025

EDITORIAL

Liebe Leser*innen, Internationale Jugendarbeit und Armut – passt das überhaupt zusammen? Oft haftet dem Arbeitsfeld der Ruf an, nur etwas für ohnehin privilegierte junge Menschen zu sein. Ein Austauschjahr in den USA, ein Freiwilligendienst in Australien – das macht sich gut im Lebenslauf und verschafft Vor ­ teile bei künftigen Bewerbungen. Umgekehrt zei­ gen Studien, wie zum Beispiel die Zugangsstudie zum internationalen Jugendaustausch: Wer nicht auf der Sonnenseite des Lebens steht, hält inter­ nationale Erfahrungen oft für unerreichbar – zu teuer, zu kompliziert, „nicht für mich gemacht“. Dabei wissen wir, dass es gerade diese jungen Menschen sind, die am meisten von internatio­ nalen Erfahrungen profitieren. Für diese Aus ­ gabe von beyond mit dem Schwerpunktthema Armut haben wir nachgefragt – bei Wissenschaft- ler*innen, Expert*innen, Praktiker*innen der Jugendarbeit und natürlich bei jungen Menschen selbst, die den Schritt gewagt und eine prägende Zeit im Ausland erlebt haben. „Ich habe mich zum ersten Mal wirklich frei und unabhängig gefühlt“, sagte uns Angelina, die für ein Jahr in den USA war. Und Monique, die auf einer Selbstversorger-Farm mit Menschen mit Beeinträchtigungen gearbeitet hat, sagte: „Ich habe gelernt, dass ich sein kann, wie ich bin und dass ich mich auf andere verlas­ sen kann“. Warum also erleben nicht mehr Jugendliche sol­ che Momente? Weil solche Erfahrungen nicht von allein entstehen. Sie brauchen Zeit, Vertrauen – und Menschen, die junge Leute auf ihrem Weg begleiten. „Wir bereiten unsere Jugendlichen ein Jahr lang auf den Austausch vor – und ich sehe, wie unglaublich motiviert sie sind“, berichtet Do­ minika Goghova, die in einem Stadtteilzentrum in Bratislava vor allem mit jungen Roma arbeitet. Sie ist davon überzeugt: „Tatsächlich verändert der Austausch das Leben junger Menschen, da­ von profitieren sie am meisten“.

Doch manchmal sind es ganz praktische Hürden, die im Weg stehen: „Was soll ich anziehen?“ – für manche klingt das banal, für andere ist es eine echte Sorge. Wer nur wenige Kleidungsstücke be­ sitzt, dessen Garderobe reicht nur für ein paar Tage und ist nicht unbedingt reisetauglich. Und wohin mit den persönlichen Dingen, wenn man aus der Stationären Jugendhilfe kommt und nicht weiß, wo man sie während einer Reise ins Ausland einla­ gern soll? Oft müssen solche Hürden erst erkannt werden und viele junge Menschen reden nicht gerne darüber. „Scham ist ein großes Hindernis“, weiß Volker Rohde von der Bundesarbeitsge ­ meinschaft Offene Kinder- und Jugendarbeit. Um solche Barrieren zu erkennen und dafür Lösungen zu finden, braucht es Zeit, Personal, kreative Ideen – und oft auch finanzielle Mittel. Es braucht auch den politischen Willen und Trä­ ger, die gezielt Angebote für benachteiligte junge Menschen entwickeln. „Zu den Gelingensbedin­ gungen zählt auch, das Bewusstsein über die Bedeutung der Teilhabechancen für junge Men­ schen aus benachteiligten Verhältnissen durch niedrigschwellige internationale Maßnahmen für und mit jungen Menschen zu entwickeln und um­ zusetzen.“, betont Volker Rohde. Ganz gleich, in welchem Bereich der Kinder- und Jugendhilfe Sie arbeiten – lassen Sie sich von dieser beyond-Ausgabe inspirieren, neue Wege zu gehen. Wege, die junge Menschen stärken, ihnen Vertrauen schenken und ihre Welt größer machen. Damit internationale Erfahrungen von einem Privileg für wenige zu einer Chance für alle werden.

Daniel Poli, Direktor von IJAB

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr Daniel Poli

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