beyond 02|2025

Forum

Europäische Jugendarbeit in stürmischen Zeiten

Christian Herrmann

Rückblick auf eine deutsch-ukrainische Online-Tagung

Junge Menschen gehören zu den Opfern des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Sie sind erschöpft, aber sie geben nicht auf und sind weiterhin ein aktiver Teil der Zivilgesellschaft. Während­ dessen wachsen bei ihren Altersgenoss*innen in Deutschland die Zukunftsängste, die der Krieg aus ­ löst. Wie kann das zusammenkommen und wie kann im Jugendaustausch etwas Fruchtbares daraus entstehen? Anhaltspunkte lieferte eine deutsch-ukrainische Online-Tagung am 1. Oktober 2025.

es in der Ukraine geben, um ein flächendeckendes Ange ­ bot zu schaffen, bemängelte Yuriy Yuzych vom Pfadfin ­ derverband Plast. Tatsächlich sind es nur 300 bis 400. Eine staatliche Unterstützung für Jugendstrukturen gibt es nicht, sagte Veronika Dyakovych. „Wir dürfen nicht vergessen, dass es Jugendarbeit im europäischen Verständnis des Wortes erst seit etwa zehn Jahren gibt, nämlich seit der Revolution der Wür­ de 2014“, stellte Olena Podobied-Frankivska, Präsidentin von NUMO, fest. Aber: Ist unter so ungleichen Bedingun­ gen die Begegnung junger Menschen zwischen Deutsch­ land und der Ukraine überhaupt möglich und sinnvoll? Tim Bohse, der selbst für das Bildungs- und Begegnungs­ zentrum KURVE in Wustrow als Internationale Friedens ­ fachkraft in der Ukraine arbeitet und Ideengeber für die Online-Tagung war, ist davon überzeugt. „Wir können den Jugendaustausch mit der Ukraine intensivieren und die Förderung von zivilgesellschaftlichen Akteur*innen ausbauen“, sagte er. Dass das für beide Seiten gewinn­ bringend ist, zeigten die vielen guten Praxisbeispiele, die während der Tagung vorgestellt oder von den Teilneh­ menden zur Sprache gebracht wurden.

Mehr als dreieinhalb Jahre sind seit Beginn des vollflä ­ chigen russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine vergangen, und ein Ende ist nicht abzusehen. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sind eine besonders vulnerable Gruppe, die einen großen Teil der Kriegs­ last zu tragen hat – als Soldat*innen an der Front, als Geflüchtete und Vertriebene im In- und Ausland, als Opfer der russischen Drohnen- und Raketenangriffe und als Unterstützer*innen ihrer Familien, wenn ein Elternteil beim Militär ist. Sie sind als Folge des Krieges eine schrumpfende demografische Gruppe. Etwa zehn Millionen junge Menschen im Alter zwischen 14 und 35 Jahren lebten bis 2022 in der Ukraine. Heute sind es nach Expert*innenmeinung noch 6 bis 7 Millionen. Vero ­ nika Dyakovych von NUMO, einem der beiden Dachver­ bände für Jugendorganisationen, sieht junge Menschen aber nicht ausschließlich als Opfer. 25% engagieren sich ehrenamtlich und fordern Mitsprache ein. Dabei hat man in den letzten Jahren Fortschritte gemacht. Jugend­ beiräte beraten den Präsidenten der Ukraine, das Minis­ terkabinett sowie lokale und regionale Verwaltungen. Ein neues Jugendgesetz ist in Vorbereitung. Dennoch bleibt viel zu tun. 6.000 bis 7.000 Jugendzentren müsste

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