IM FOKUS – Armut erkennen, Chancen eröffnen
Kinder- und Jugendarmut: Wettlauf mit ungleichen Startbedingungen
Dr. Irina Volf
Armut prägt Lebenswege von Anfang an und verschließt jungen Menschen Türen, die anderen weit offenstehen. Irina Volf, Politologin und promovierte Psychologin, leitet das Institut für Sozial arbeit und Sozialpädagogik e. V. in Frankfurt. In ihrem Beitrag zeigt sie, wie strukturelle Ungleich heit Chancen raubt, unsere Demokratie schwächt – und warum Politik und Pädagogik gemeinsam handeln müssen, damit kein Kind zurückbleibt.
Was bedeutet „Armut“? Armut lässt sich auf verschiedene Weisen fassen: objektiv, über das Einkommen eines Haushalts, und/oder subjek tiv, über die tatsächlichen Möglichkeiten, ein Leben nach den in der Gesellschaft üblichen Standards zu führen. Die EU definiert relative Armut, wenn „Einzelpersonen, Familien und Personengruppen, die über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedsstaat, in dem sie leben, als Minimum hinnehm bar ist“. 1 Gemessen wird Armut auf Basis eines mittleren bedarfsgewichteten Nettoeinkommens. Menschen, die mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens auskommen müssen, werden als armutsgefährdet definiert. Laut Mikrozensus-Kern waren Ende 2023 in Deutschland 14,1 Millionen Menschen davon betroffen; darunter 2,9 Millionen Kinder und Jugendliche. Beson ders hoch ist das Risiko für Ein-Eltern-Familien, kinderrei che Familien sowie junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 25 Jahren. Regionale Unterschiede sind gravie
Es gibt einen Kurzfilm, der bei mir bereits in den ersten Sekunden eine starke körperliche Reaktion auslöst: „Kin derarmut“, produziert im Jahr 2018 von Schüler*innen des Beethoven-Gymnasiums Berlin im Rahmen der Ini tiative Offene Gesellschaft. In diesem Film inszenieren junge Menschen die Erkenntnisse der Armutsforschung und bringen diese mit erschütternder Klarheit auf den Punkt: Das Leben junger Menschen in Deutschland gleicht einem Wettrennen mit ungleichen Startbedin gungen. Schmerzhaft ist das Dargestellte für mich nicht nur deshalb, weil ich selbst in Armut aufgewachsen bin. Es schmerzt vor allem, weil Kinderarmut knapp drei Millionen junger Menschen in Deutschland betrifft und tiefergreifende Spuren in unserer Gesellschaft hinter lässt – mit Ergebnissen, die allzu vorhersehbar sind. An Erkenntnissen mangelt es nicht. Was fehlt, ist zum einen politische Entschlossenheit, Kinderarmut wirksam zu bekämpfen, und zum anderen die Verankerung armuts sensiblen Handelns als Grundhaltung in der Kinder- und Jugendarbeit. Doch was ist (Kinder-)Armut? Wie entsteht sie und welche Wege gibt es, Kinder- und Jugendarmut zu bekämpfen?
1 Europäische Gemeinschaften, Beschluss des Rates vom 19. Dezember 1984 über gezielte Maßnahmen zur Bekämpfung der Armut auf Gemeinschaftsebene, Art. 1 (2).
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