rend: In Ostdeutschland und in strukturschwachen Regi onen Westdeutschlands ist das Armutsrisiko besonders hoch. Städtische Ballungsräume zeigen teils extreme soziale Polarisierung: Wohlstand und Armut liegen hier oft nur wenige Straßen voneinander entfernt. Während relative Armutsdefinition an konkrete, mess bare Einkommensgrenzen gebunden ist, verdeutlichen solche Konzepte wie der Ressourcenansatz, der Depri vationsansatz, der Capability Approach oder der Lebens lagenansatz, dass Armut primär eine Form der Unter versorgung ist – sei es mit materiellen Gütern oder mit realen Teilhabe- und Handlungsmöglichkeiten. Der Lebenslagenansatz ist dabei am besten geeignet, um individuelle Armutsfolgen systematisch zu erfassen. Mit hilfe des Lebenslagenansatzes wird verdeutlicht: Armut betrifft nicht nur materielle Versorgung, sondern auch soziale Beziehungen, kulturelle Erfahrungen sowie die physische und psychische Gesundheit. 2 Warum Kinder- und Jugendarmut auf hohem Niveau verharrt? Ein erster Schritt zum Verständnis von Kinder- und Jugendarmut ist die Einsicht: Betroffen sind vor allem ganze Familien. Es gibt also keine armen Kinder allein, sondern Kinder, die in Familien aufwachsen, die von Armut betroffen sind. Familien können durch Schick salsschläge wie Unfälle, Erkrankungen, Trennung oder
Arbeitslosigkeit von heute auf morgen in finanzielle Not geraten. Diese Ereignisse sind jedoch nicht die eigent lichen Ursachen von Armut, sondern Auslöser, die Familien in Situationen bringen können, in denen die strukturellen Hürden schnell übermächtig werden. Ein Beispiel: Maria ist Frisörin in Teilzeit, verheiratet und erwartet ihr zweites Kind – Elias. Nach der plötzlichen Erkrankung ihres Mannes muss sie zusätzlich dessen Pflege übernehmen. Nun reicht das Einkommen nicht mehr aus, um Miete, Lebensmittel und notwendige Medikamente zu bezahlen. Der Schicksalsschlag – die Erkrankung ihres Mannes – hat die finanzielle Stabilität der Familie zerstört und sie vor neue Herausforderun gen gestellt. Ob die Familie wieder Tritt fasst, hängt von vielen Faktoren ab. Sie ist nun einem hohen Risiko aus gesetzt, von Armut betroffen zu sein. Die langfristige Armut entsteht durch strukturelle Fak toren wie niedrige Löhne, prekäre Beschäftigung, hohe Mieten, fehlende Unterstützungsangebote vor Ort sowie komplizierte Anträge und bürokratische Hürden bei Antragsstellungen für Sozialleistungen. Das selektive deutsche Bildungssystem verstärkt soziale Ungleich heiten, statt sie auszugleichen. Transferleistungen wie das Bürgergeld reichen oft nicht aus, um betroffenen Kindern und Jugendlichen eine adäquate soziale und kulturelle Teilhabe zu ermöglichen. Leistungen für Bildung und Teilhabe erreichen viele Familien nicht.
2 Für mehr Information siehe Volf, Irina (2024): Lebenslagenansatz in Kindertageseinrichtungen. Impulse zur praktischen Anwendung. Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V.
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