Diese und viele andere Faktoren sorgen dafür, dass Hilfen nicht dort ankommen, wo sie gebraucht werden und Familien wie Marias auf der Strecke bleiben. Kinder- und Jugendarmut ist also kein individuelles Versagen. Sie ist Ausdruck struktureller Ungleichheit, die infolge komplexer politischer Entscheidungen entsteht und dazu führt, dass die Kinderarmutsquote in Deutschland auf hohem Niveau stagniert. Was ist denn mit Elias? Direkt bei der Geburt erwartet ihn ein Parcours voller Hürden. Ein Parcours voller Hürden Von Geburt an stehen für armutsbetroffene Kinder wie Elias Hürden auf der Laufbahn, die viele gar nicht wahrnehmen. Schon bei der Geburt sind Kinder in von Armut betroffenen Familien ungünstigen Umweltbe dingungen ausgesetzt: vorgeburtlicher Stress, beengte Wohnverhältnisse, fehlende Ressourcen für eine gesun de Ernährung und chronisch belastete Eltern, die ihnen u. a. aufgrund der prekären finanziellen Lage nicht die notwendige Zuwendung und Stimulation für eine altersangemessene Entwicklung bieten können. Zudem erschweren fehlende Zugänge zur institutionellen Betreuung den Start. Wird diese Hürde genommen, stol pern sie im Kindergarten über zahlreiche Nachteile und mangelnde talentorientierte Förderung. In der Schule türmen sich die Hindernisse höher: kein Geld für ange messene Ausstattung, Nachhilfe oder Klassenfahrten. Später, in der Jugend, warten weitere Barrieren – eigene Armut wird den jungen Menschen bewusst; Mithalten mit den Gleichaltrigen scheint unmöglich zu sein; auf der Tagesordnung steht die Suche nach Nebenjobs anstatt Bildungs- und Auslandsangebote; der Bewegungsradius und die Netzwerke sind klein; nicht selten fehlen ihnen Vorbilder, die Halt und Orientierung geben können. Während junge Menschen aus finanziell stabilen Fami lien fast frei sprinten können, kämpfen sich junge Men schen aus von Armut betroffenen Familien über jede einzelne Hürde. Auch noch Grenzen zu überwinden und Angebote der Internationalen Jugendarbeit in Anspruch
zu nehmen, lässt sich kaum realisieren. Am Ende des Parcours liegt das Ziel eines selbstbestimmten Lebens – doch der Weg dorthin ist von Anfang an ungleich schwer. Armut im Kindes- und Jugendalter erhöht das Risiko für spätere Arbeitslosigkeit, chronische Erkrankungen und psychische Belastungen – mit erheblichen Folgekosten für das Gesundheits- und Sozialsystem. Kinderarmut ist allerdings nicht nur ein soziales, sondern auch ein demokratiepolitisches Problem: Der Zusammenhang zwischen sozialer Benachteiligung und politischer Ent fremdung ist gut erforscht und empirisch belegt. Die Verfestigung der sozialen Ungleichheit in Deutschland führt dazu, dass sich politische Entfremdung in unteren Einkommensgruppen nicht nur in Misstrauen gegen über Institutionen ausdrückt, sondern auch in geringerer politischer Teilhabe und einem wachsenden Gefühl der Machtlosigkeit. Ein Zusammenspiel von wirtschaftlicher Benachteiligung, sozialer Desintegration und politischer Entfremdung gefährdet unsere Demokratie. 3 Armutssensibilität als Voraussetzung für Armutsbekämpfung Bei der Entwicklung von Maßnahmen zur Armutsbe kämpfung ist es zwingend erforderlich, zwischen der Bekämpfung von Armutsursachen und Armutsfolgen zu differenzieren. Armutsursachen sollen vor allem mit poli tischen Instrumenten auf der Bundes-, der Landes- und auf kommunaler Ebene bekämpft werden. Armutsfol gen sollen dagegen immer individuell, d. h. kindbezogen von der Geburt an und bis zur Arbeitsmarktintegration vorgebeugt und/oder reduziert werden, und zwar dort, wo (pädagogische) Fachkräfte mit den von Armut Betrof fenen direkt arbeiten können. Die Bekämpfung von Armutsursachen auf der Bun desebene erfordert steuer-, arbeitsmarkt- und famili enpolitische Maßnahmen zur Eindämmung prekärer Beschäftigung bzw. zur Sicherung armutsfester Löhne sowie Schaffung von Lohngerechtigkeit zwischen den Geschlechtern. Die zentrale Zielsetzung ist dabei eine
3 Hier beispielhaft dargestellte Armutsfolgen wurden sowohl im Rahmen der AWO-ISS Langzeitstudie zur Kinderarmut als auch im Rahmen der Evaluation des Gelsenkirchener Modellprojekts „Zukunft früh sichern!“ systematisch erforscht. Siehe Volf, Irina/Schipperges, Hannah/Habel, Simone/Laubstein, Claudia/Kalustian, Anita (2023): Armutssensibles Handeln in der Kita. Evaluation des Modellprojekts „Zukunft früh sichern!”. Beltz Juventa, Weinheim. Heinrich, Lea/Volf, Irina (2022): (Über-)Leben mit 28. AWO-ISS Langzeitstudie zur Kinderarmut: Übergang ins junge Er wachsenenalter und Bewältigung der Corona-Krise. Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik, Frankfurt am Main. Volf, Irina/Sthamer, Evelyn/ Laubstein, Claudia/Holz, Gerda/Bernard, Christiane. (2019): Wenn Kinderarmut erwachsen wird… AWO-ISS-Langzeitstudie zu (Langzeit-)Folgen von Armut im Lebensverlauf. Endbericht der 5. AWO-ISS-Studie im Auftrag des Bundesverbands der Arbeiterwohlfahrt. Frankfurt am Main.
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