COLUMBUS Magazin Frühjahr 2026

INTER VIEW

GILT DAS AUCH FÜR IKONISCHE BAUWERKE, DIE ZU WELTWEITEN REISEZIELEN WERDEN, ETWA DIE OPER VON SYDNEY? Natürlich. Sydney ist für mich eine merkbare Stadt – gerade wegen solcher Bauten. Die Oper spielt da eine große Rolle, sie prägt mein visuelles Gedächtnis. Interessant ist ja, dass viele Ikonen nicht nur durch ihre Architektur, sondern auch durch ihre Geschichte berühmt werden: Kon % ikte, Prozesse, Skandale gehören zum „Leben“ eines Bauwerks. Ich liebe es etwa, wenn unsere Projekte Spitznamen bekommen – die kommen von den Bewohnern und Besuchern, nicht vom Marketing. Das ist die höchste Form der Aneignung. BEDEUTET DAS, EIN BESONDERES BAUWERK MUSS GAR NICHT WELTBERÜHMT SEIN, UM GROSSARTIG ZU SEIN? Genau. Es kann in einem ganz kleinen Kontext besonders sein. Für ein Kulturbauwerk schadet es allerdings nicht, wenn es weltberühmt ist, weil das zeigt: Diese Gesellscha ! investiert in Kultur – und Menschen reisen dorthin, um genau das zu erleben. Aber entscheidend ist der Charakter, nicht die PR. WIE ENTSTEHT DIESER CHARAKTER KONKRET IM ENTWURFSPROZESS? GIBT ES EINEN MOMENT, IN DEM SIE SPÜREN: DAS WIRD ETWAS BESONDERES? Es gibt keine Rezeptur. Am Anfang steht o ! eine Skizze, ein Gespräch, eine vage Idee. Die übersetzen wir in Modelle, bauen physische, dreidimensionale Studien und legen immer wieder Hand an. Dieser Prozess wiederholt sich, bis das Projekt im Maßstab 1:1 steht. TROTZ KI UND DERGLEICHEN BRAUCHT ES ALSO IMMER VOR ALLEM AUCH UNSER „BRAIN“? Es braucht Kopf und Hand. „Begreifen“ heißt im Deutschen zweierlei: verstehen und mit der Hand erfassen. Ein 3D-Modell am Bildschirm können Sie drehen und wenden, aber Sie können es nicht körperlich begreifen. Gestalt im eigentlichen Sinn entsteht erst, wenn Sie ein Modell in die Hand nehmen, darunter durchschauen, es seitlich prüfen, es im Raum fühlen. Das gibt einem Gebäude seinen Charakter. KANN KÜNSTLICHE INTELLIGENZ ARCHITEKTUR IN IHREM SINNE ÜBERHAUPT HERVORBRINGEN? KI kann Varianten generieren, schnell rechnen, Muster sortieren, das ist alles hilfreich. Aber es gibt immer den Moment, in dem jemand – oder ein Team – eingrei !

W olf dPrix ist ein Architekt, der Architektur nicht als schöne Hülle, sondern als schonungslose Übersetzung der Gesellscha ! in drei Dimensionen versteht. Im Gespräch erklärt der Gründer von Coop Himmelb(l)au, warum ein Bauwerk erst dann zur Architektur wird, wenn es Charakter entwickelt. Er spricht über Ikonen wie die Oper von Sydney, seine persönlichen Lieblingsbauten und darüber, warum Spitznamen aus der Bevölkerung das größte Lob darstellen. Und er zeigt, wie sehr Mut, Zufall und eine o " ene Gesellscha ! darüber entscheiden, welche Häuser wir einmal als beliebte Reiseziele feiern.

DIESES

MAGAZIN

WIDMET

SICH

DEN

BEEINDRUCKENDSTEN DER MENSCHHEIT – ALS ZIELE FÜR REISEN, ABER AUCH ALS SPIEGEL IHRER ZEIT. WAS MACHT FÜR SIE EIN BAUWERK ZU EINEM BESONDEREN BAUWERK? BAUWERKEN Wolf dPrix: Ein Bauwerk wird erst dann zur Architektur, wenn es eine Metaebene erreicht. Wenn es also mehr kann, als nur sein Programm – Wohnhaus, Oper, Museum – funktional zu erfüllen. Wenn es eine besondere Konstruktion hat und wenn es eine unverwechselbare Gestalt ausbildet. Dann wird aus einem Gebäude Architektur mit Charakter. WAS VERSTEHEN SIE HIER NUN UNTER CHARAKTER? Charakter beginnt mit Identi # zierbarkeit. Wenn ich in der Stadt sagen kann: „Das schiefe, rote Haus dort, da wohne ich“, dann hat dieses Gebäude eine Gestalt, die sich gegen das anonyme Raster der Stadt behauptet. Architektur drückt in der dritten Dimension das visuelle Gedächtnis einer Gesellscha ! aus. Eine Gesellscha ! , die Mut hat, baut anders als eine, die verängstigt oder konservativ ist. KANN MAN ALSO DEN ZUSTAND EINER GESELLSCHAFT AN IHREN BAUTEN ABLESEN? Sehr direkt sogar. Wenn eine Gesellscha ! fad ist, dann ist die Architektur fad. Ist sie konservativ, dann baut sie klassizistisch. Eine Gesellscha ! , die ihr Selbstvertrauen verloren hat, baut Parlamente wie griechische Tempel. Eine, die vor dem Klimaschock vor allem Angst hat, produziert grüne Kasernen und Nachhaltigkeitsfestungen. Daran sehen Sie das Bedürfnis nach Rückzug und Abwehr. Eine Gesellscha ! im Au $ ruch leistet sich dagegen mutigere Bauten, neue Typologien, neue Räume.

COLUMBUS MAGAZIN 17

Made with FlippingBook flipbook maker