COLUMBUS Magazin Frühjahr 2026

und aus der anonymen Struktur eine Gestalt formt. Und dafür brauchen Sie nicht nur Rechenleistung, sondern Haltung, Erfahrung, Körperlichkeit. Im Englischen gibt es für „Gestalt“ kein tre " endes Wort. Es ist eben mehr als Form: Es ist eine geistige, manuelle und körperliche Operation. WELCHE ROLLE SPIELEN ZUFALL UND GLÜCK IN DIESEM PROZESS? Eine große. Schauen Sie in die Natur: Kein Ingenieur malt dem Schmetterling den roten Fleck auf den Flügel, er entsteht zufällig und setzt sich durch, wenn er sich bewährt. So ist es auch in der Architektur. Man probiert, verwir ! , korrigiert. Eine o " ene Gesellscha ! erlaubt diesen Prozess. Eine ängstliche versucht, ihn zu reglementieren – mit Normen, Komitees, Abstimmungen. Dann wird Architektur schnell zum Mittelmaß. KOMMT DAHER IHRE ANSAGE, EVOLUTIONÄR, NICHT REVOLUTIONÄR ZU ARBEITEN? Das bedeutet: Trial and Error. Architektur verschiebt Grenzen Schritt für Schritt – „pushing the envelope“, wie es im Englischen heißt. Was das verhindert, ist der vorauseilende Gehorsam. Viele Architektinnen und Architekten rechnen schon beim Entwerfen mit der Ablehnung: „Diese Kurve wird die Behörde nie bewilligen, das ist sicher zu teuer.“ Der Entwurf wird dann im Kopf kastriert, bevor er überhaupt existiert. Dazu kommt der verinnerlichte Zwang: Was man früher hässlich fand, erscheint nach ein paar gescheiterten Projekten plötzlich akzeptabel, weil man sonst beru % ich verhungert. SO ENTSTEHEN DANN ABER KEINE IKONEN, VON DENEN WIR SPRECHEN WOLLEN. WAS ALSO UNTERSCHEIDET FÜR SIE EINE BLOSS AUFFÄLLIGE ARCHITEKTUR VON EINEM IKONISCHEN BAUWERK? Au " älligkeit ist leicht zu haben: ein bisschen schräge Form, bunte Fassade, vermeintliches „Design“. Design kann man reproduzieren, Architektur nicht. Ikonische Architektur hat Charakter – sie ist räumlich, nicht bloß gra # sch. Man erlebt sie in der Zeit, indem man durch sie hindurchgeht: Treppen, Räume, Übergänge. Und sie lässt sich aneignen. Mich stört es überhaupt nicht, wenn in unseren Wohnbauten Kinderwägen auf den Balkonen stehen oder Wäsche hängt. Im Gegenteil: Wenn ein Gebäude so einladend ist, dass die Menschen es sich wirklich zu eigen machen, ist das ein Qualitätsmerkmal.

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