INTER VIEW
„Vorauseilender Gehorsam und verinnerlichter Zwang sind die größten Feinde der Architektur“
GILT DAS AUCH FÜR FREI NUTZBARE RÄUME, DIE NICHT STRENG PROGRAMMIERT SIND? Absolut. Wir haben immer versucht, Freiräume zu scha " en, die nicht vorgewidmet sind – kein „Fernsehzimmer“, kein „Multifunktionsraum“, sondern o " ene Flächen. In vielen Kulturen, in denen das ö " entliche Leben eine große Rolle spielt, werden solche Räume sofort in Besitz genommen: Man stellt einen Fernseher für das Fußballspiel hinein, man grillt im Hof, man feiert. Jüngere Generationen in unseren Städten holen sich diese Freiheit zunehmend zurück. Da merken Sie, wie stark Architektur Au " orderungs- oder Abwehrcharakter haben kann. HABEN SIE EIN PERSÖNLICHES LIEBLINGSBAUWERK AUF DIESER WELT – LOSGELÖST VON IHREN EIGENEN PROJEKTEN? Eigentlich zwei. Zum einen La Tourette von Le Corbusier, ein Kloster in der Nähe von Lyon. Dort beeindruckt mich die Viel- falt der Formen, die Art, wie Räume, Licht und Proportionen durchdekliniert werden. Das Gebäude ist prototypisch für viele Ide- en, die später bewusst oder unbewusst von anderen Architekten übernommen wurden. Zum anderen ein Bau von Frederick Kiesler, ein geschwungener Raum, in dem die Tora au $ ewahrt wird – dort stimmen Form und Inhalt in einer Weise überein, die mich bis heute fasziniert. UND UNTER IHREN EIGENEN BAUTEN: WELCHE KOMMT IHREN IDEALEN VON ARCHITEKTUR AM NÄCHSTEN? Ein Museum in China, das als räumliches Kon- tinuum funktioniert – mit einem großen Aus- stellungssaal, vielen kleineren Räumen und Wegen, die sich anfühlen wie ein Spaziergang durch einen Garten. Dann die BMW-Welt in München, die als ö " entlicher Erlebnisraum funktioniert und mehr Besucher im Jahr hat als viele klassische Museen. Und das Paneum, die „Wunderkammer des Brotes“ in Asten in Österreich: außen eine freiformige Holz- struktur, innen eine arkadenartige Spirale,
die eine Sammlung von Objekten aus 9.000 Jahren Brotkultur inszeniert.
UNSER MAGAZIN VERSTEHT GROSSE ARCHITEKTUR AUCH ALS EINLADUNG ZUM REISEN. MUSS EIN BAUWERK, DAS HEUTE ENTSTEHT, IMMER SCHON SEINE ZUKUNFT MITDENKEN? Unbedingt. Wenn Sie heute einen großen Flughafen entwerfen, wird er vielleicht in zehn Jahren erö " net, und niemand weiß genau, wie Fliegen dann organisiert sein wird, wie sich Passagierströme, Sicherheitsanforderungen oder Antriebstechnologien verändern. Ein Gebäude braucht Flexibilität, um auf Entwicklungen reagieren zu können – das wird viel zu selten verstanden. Planung hat etwas mit Ahnung zu tun: mit dem Versuch, das Kommende zu antizipieren. APROPOS FLEXIBILITÄT: SIE HABEN EINMAL SCHERZHAFT VORGESCHLAGEN, DEN METER ZU „DEHNEN“. WAS STECKT DAHINTER? Ich habe gesagt, wir müssten den Meter um drei Zentimeter dehnen. Ein Meter wäre dann 103 Zentimeter. Im Volumen wird das Gebäude dadurch um rund 15 Prozent größer – und auch teurer. Rechnen Sie mit einer jährlichen In % ation von fünf Prozent, müssen Sie ein solches Gebäude nur drei Jahre früher bauen, um beim gleichen Geld zu landen. Die Pointe ist: Innovation kostet am Anfang etwas, zahlt sich aber langfristig aus. Das gilt räumlich, funktional und gesell- scha ! lich. WENN WIR ZUM SCHLUSS AUF DIE GROSSEN BAUWERKE DER MENSCHHEIT BLICKEN: KÖNNEN EINZELNE BAUTEN DIE GESELLSCHAFT IN IRGENDEINER WEISE VERÄNDERN? Architektur ist in erster Linie die dreidimensionale Darstellung einer Gesellscha ! , kein Erziehungsinstrument. Ein Museum macht aus niemandem automatisch einen gebildeteren Menschen. Aber ein gutes Museum – ich denke etwa an unser Haus in Lyon – erzeugt eine Atmosphäre, in der man sich wohlfühlt und darum gerne wiederkommt.
COLUMBUS MAGAZIN 19
Made with FlippingBook flipbook maker