VERLASSEN – UND WIEDERENTDECKT Man nennt sie „Lost Places“: verlassene, o ! auch vergessene Orte, die auf viele Menschen eine besondere Faszination aus- üben. Mit der Expertin Christiane Brandenburg haben wir über das Wiederentdecken dieser Orte gesprochen.
W ohnhäuser, Fabriken, Vergnü- gungsparks, Krankenhäuser, militärische Anlagen … Es gibt sie überall auf der Welt, die von Menschen gescha ! enen Bau- werke, die irgendwann nicht mehr genutzt, gebraucht oder schlicht nicht mehr gewollt wurden. Und die danach – als verlassene Orte – von der Natur Stück für Stück zurückerobert werden. Allgemein als Lost Places bekannt, werden sie gerade in Zeiten von Social Me- dia und In " uencern allerdings neuerlich zum Anziehungspunkt – einerseits für sogenannte Urban Explorer (kurz Urbex), andererseits für Touristen. Kurz: für Menschen, auf die verlas- senen Orte aller Art eine eigene Faszination ausüben. Doch hinter dieser Faszination steckt mehr. Und auch hinter diesen Orten steckt mehr als lediglich ein verfallenes Gebäude oder Gelände. Viel mehr, wie Christiane Branden- burg weiß. Als außerordentliche Professorin an der Universität für Bodenkultur (BOKU) in Wien beschä # igt sie sich seit Jahren mit urba- nen Grünräumen und hat unter anderem eine Masterarbeit über Lost Places betreut. LOST PLACES ZU BESUCHEN, STELLT MITTLERWEILE AUCH BEI REISENDEN EINEN REGELRECHTEN TREND DAR. WARUM WOLLEN SO VIELE DIESE ORTE QUASI WIEDERENTDECKEN? Christiane Brandenburg: Vorweg muss man den Namen „Lost Places“ hinterfragen. Für wen sind diese Orte verloren? Wann ist ein Ort „verloren“ – vor allem vor dem Hintergrund, dass die Lost Places jetzt ja überall wiederent-
deckt werden? Im Englischen nennt man sie „Abandoned Places“, also „Verlassene Orte“ statt „Verlorene Orte“, was viel tre ! ender ist. WARUM ABER WERDEN MENSCHEN DAVON ANGE- ZOGEN? Für manche ist es sicher der Wunsch nach einer Teilhabe am Geschehen der Vergangen- heit, sozusagen ein authentisches Erleben der Vergangenheit. Man fragt sich, wer hat hier gelebt, und wie hat man diesen Platz genutzt? Wobei viele Leute sich gar nicht bewusst sind, was teilweise für fürchterliche Dinge an vielen dieser Orte passiert sind – wie beispielsweise in aufgelassenen Kinderheimen oder Kran- kenhäusern. ÜBT ALSO DAS VERLASSENE GENERELL SO EINE GROSSE FASZINATION, JA EHRFURCHT AUS? Meines Erachtens ist es für viele Menschen keine Ehrfurcht vor einem bestimmten Ort, sondern der Wunsch nach einem besonderen Erlebnis; man könnte sagen, es ist ein bisschen die Sensationslust, die gesucht wird. Um dann hinterher – und zwar mittels Wort und Bild – berichten zu können: Ich habe etwas ganz Besonderes erlebt. Und vielleicht zeigt gerade dieses Suchen nach einem besonderen Erlebnis auch auf, dass wir eigentlich viel zu wenig Plätze haben, wo wir noch etwas entdecken können, wo wir die kleinen Abenteuer $ nden. Wie Kinder früher am Kinderspielplatz, wo es ein Gebüsch gab, in dem sie sich verstecken konnten. Die Alltagsräume, in denen wir frei entdecken können, sind rar geworden.
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