INTER VIEW
sind auch ein Hindernis für sie. Wir sind diejenigen, die nicht nett zur Natur sind, die permanent die Entwicklungen in der Natur beein " ussen. Und zwar ohne Rücksicht. Wir denken nicht viel weiter, nicht an die nächste Generation, nicht daran, was wir mit unserem Handeln verursachen. WAS MACHT DANN SO EIN BILD EINES ABANDONED PLACE MIT IHNEN ALS WISSENSCHAFTERIN? Einerseits ist es gut, dass die Natur – oder besser: dass einige Arten – dort wieder Fuß gefasst haben. Andererseits sind diese Orte schon auch ein Zeichen dafür, dass wir der Natur ganz viel weggenommen haben. Und das sorgt bei mir auch für Betro ! enheit, weil man sieht, wie unachtsam wir Menschen sind, wie verschwenderisch. Ein Ort, der verlassen wurde – aber keiner kam auf den Gedanken, ihn erneut zu verwenden, ihn wieder zurückzubauen, die Materialien wieder zu verwerten, das Gebiet wieder in den Urzustand zurückzubringen. Mein Appell wäre daher, immer, wenn jetzt etwas Neues gebaut wird, mitzudenken, dass und wie es nach seiner Nutzung auch wieder rückgebaut werden kann. UND WAS PASSIERT MIT DIESEN ORTEN, WENN DER MENSCH SIE KURZ BESUCHT UND DANN WIEDER VERLÄSST? Es gibt ja diverse Regeln, die sich Menschen, die diese Orte aufsuchen, quasi selbst auferlegt haben: „Nimm nichts mit außer Fotos, lass nichts zurück als Fußspuren.“ Aber wir hinterlassen eben nicht nur Fußspuren: Wir hinterlassen Gerüche, wir stoßen irgendwo an, wir fassen etwas an. Es wird dabei immer wieder vergessen, dass sich Tiere dort eingenistet haben können, die Winterschlaf halten, dass Tiere bei der Aufzucht der Jungen gestört werden können. Denn ja, der Mensch stört. Außerdem müssen wir zum Aufsuchen dieser Orte ja auch zu ihnen hingehen, wir müssen wieder weggehen. Meistens passiert das individuell, weil zu diesen Plätzen ja selten ein Bus fährt. Und auch dort hinterlassen wir Spuren. Was wir dann noch hinterlassen: Fotos, Berichte – und damit ziehen wir neue Menschen an. Daher $ nde ich es schade, dass es zu diesen Orten oder von den Communitys meist keine Hinweise auf sensible Zeiten für Flora und Fauna gibt, um diese zu schützen. Man darf nämlich nicht vergessen: Bei „verlassenen Orten“ sollte man nicht nur das langfristige Verlassen im Kopf haben, sondern auch, was das kurzfristige Aufsuchen und wieder Verlassen mit all diesen Orten und den etwaigen neuen Bewohnern macht.
Oben & Mitte: Urban Exploring (Urbex) bezeichnet das Aufsuchen von Lost Places im Stadtgebiet. Auch unter Reisenden liegt es im Trend, Städtetrips mit der Erkundung von verlassener Architektur zu verbinden. Von Vergnügungsparks über Wohnhäuser bis hin zur Kanalisation: Dabei unternimmt man nicht nur eine Reise in die Vergangenheit, sondern setzt sich auch mit der Rolle des Menschen in der Natur auseinander. Die ukrainische Geisterstadt Prypjat, einst neben dem ehemaligen Atomkraftwerk Tscherno- byl errichtet, wurde nach der Reaktorkatastrophe 1986 vollständig geräumt. Ob Industrie- anlagen, militärische Einrichtungen, Kinderheime oder Bürogebäude – Lost Places stellen ein Zeugnis der Vergangenheit dar, das viele Geheimnisse birgt. Sie lassen Besuchende daran teilhaben und mutmaßen, was an diesem Ort geschehen sein mag. Unten: Egal, ob bei der verlassenen Fabrik im Naturpark Bayerische Rhön oder im Ta Prohm Tempel im kambodschanischen Siem Reap, das Urbex-Credo „Nimm nichts mit außer Fotos, lass nichts zurück als Fußspuren.“ soll nicht vergessen lassen, dass der Mensch stets mehr hinterlässt als Fußspuren. Daher ist es von großer Bedeutung, sich beim Besuch der verlasse- nen Orte in Erinnerung zu rufen: Es gibt sensible Zeiten für Flora und Fauna, in denen diese besonders schützenswert ist.
COLUMBUS MAGAZIN 31
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