COLUMBUS Magazin Frühjahr 2026

Seit Jahrtausenden blickt sie unbeweglich in den Sonnen- aufgang. Doch hier passt einiges nicht ganz zusammen: Wer genauer hinsieht, entdeckt ein Monument voller Brüche, Überarbeitungen und hartnäckiger Mythen. DAS SCHWEIGEN DER SPHINX

Die Sphinx blickt seit Jahrtausenden exakt nach Osten – zum Ursprung allen Seins.

S eit Jahrtausenden liegt sie im Wüsten- sand von Gizeh, den Blick unbeirr- bar nach Osten gerichtet. Die Große Sphinx gilt als eines der bekanntesten Monumente der Welt – und zugleich als eines der missverstandensten. Auf den ersten Blick scheint alles klar: ein Löwenkörper, ein menschlicher Kopf, gemeinhin dem Pharao Chephren zugeschrieben, errichtet vor rund 4.500 Jahren. Doch der Kopf wirkt im Ver- gleich zum massigen Körper au ! allend klein. Ägyptologen gehen deshalb bis heute davon aus, dass der Kopf ursprünglich größer war und erst später umgearbeitet wurde. Der Kör- per könnte älter sein als das Gesicht, das ihn

heute krönt. Hinzu kommt ihre ungewöhn- liche Entstehung. Die Sphinx wurde nicht Stein für Stein errichtet, sondern direkt aus dem gewachsenen Kalksteinfelsen herausge- schlagen. Ein enormer Kra " akt und gleich- zeitig ein geologisches Risiko. Der Fels be- steht nämlich aus unterschiedlich harten Schichten, welche nicht gleich schnell ver- wittern. Das erklärt, warum der Körper der Sphinx stärker von Erosion gezeichnet ist als der Kopf. Aber auch ihr heutiges Aussehen täuscht: Was heute als monumentale Stein- # gur in nicht besonders aufregender Farb- palette erscheint, war einst farbig und bunt. Pigmentreste belegen eindeutig, dass der

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