Writing Workshop at Lisbon Congress

nun. Ich schwieg. Fing Blicke tiefen Misstrauens auf, spürte die Ablehnung der Gruppe, Ingrids Häme war mit Händen zu greifen. Barbaras Atem verströmte einen Geruch von Bitterkeit gemischt mit Honigsüße. Im Studium waren wir auf derartige Fälle x mal vorbereitet worden, jetzt versagte ich. Mein Blick wanderte zu Andrea, der aus meiner Sicht noch am ehesten der medizinischen Herausforderung Gewachsenen. Sie sah mich nicht an, war ganz auf Barbara fixiert. „Er ist gar kein Arzt, er tut nur so“ hörte ich jemanden sagen, ich wagte nicht, mich umzudrehen, ehe Irenäus, ausgerechnet der linkische Irenäus mich wegdrängte, Barbaras Kopf nahm, wild schwenkte und sie langsam wieder zu Bewusstsein brachte. Es kam uns allen vor wie eine Wunderheilung, kein langsames Erwachen, sondern ein plötzliches Wieder-alles-beim-Alten sein. „Wunderbar hast du das gemacht“, meinte sie zu mir. „Ich habe gar nichts gespürt“. Wir sannen betreten um den Sinn dieser Worte, die keinen rechten Sinn machten, aber Irenäus wusste, woher auch immer, dass die ersten zehn Sekunden nach dieser Intervention Patienten Zusammenhangloses sagen würden. Irenäus sprach danach kein Wort mehr mit mir, Ingrid aber auch nicht. Eigentlich niemand. Einzig Barbara verharrte in der Illusion, ich hätte ihr das Leben gerettet und umarmte mich. Mein Blick fiel auf den Wald hinter ihr, ein Reh trat auf die Lichtung, ich wünschte mich weg von hier, was hatte ich mich auf diese Notfallübung eingelassen, was war ich leichtsinnig der Meinung gewesen, ich könnte diese Gruppe leiten. Es war ein letztes Mal gewesen, ein letztes Aufbäumen des Mediziners in mir. Ich musste mein Leben ändern.

118

Made with FlippingBook Annual report maker