Writing Workshop at Lisbon Congress

When Madeleine asked her cousin if she could take a closer look at the charcoal sketch in his papers, he handed it to her with great willingness. She could have sworn it was one of her grandfather's paintings. “My daughter's high school graduation project,” he said to her. “Unbelievable. I don't know where the child got her talent.”

„ZUERST DACHTE ICH, ES SEI ALLES EIN MISSVERSTÄNDNIS“, meinte Rebecca. „Dann wurde mir klar: Der meint das so“. Sie erwartete von mir wohl eine Art empörter Reaktion, das Reinschlagen in die übliche Kerbe irgendwelcher unverschämter Dienstleister, die in diesem Land mal wieder nicht funktionieren, wie sie sollten, aber mir war nicht danach. Ihre Geschichte mit dem abgestürzten Laptop und dem nicht verlängerten Vertrag mit irgendeiner Firma, es wird wohl um die Erstellung einer neuen Website für ihre neue tolle Action-Serie gegangen sein, drang nicht zu mir durch. Ich hing noch an der Art, wie sie mich von Beginn an betrachtet hatte. Der lange Umweg, den sie nahm, ehe sie auf meine Einreichung zu sprechen kam, meinen Vorschlag für eine mögliche, bereitete mich schon auf das Folgende vor. Aber es war gar nicht das zu erwartende ‚Nein‘, das gleich kommen würde – natürlich nicht als Nein formuliert, sondern als Amalgam von Ausflüchten, nicht zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel, bla bla bla, sondern um ihren Blick. Bisher war von Rebecca ein Vertrauen ausgegangen, ein Fluidum des Einverständnisses mit mir, mir höchstpersönlich. Ich wusste immer um all meine Schwächen, aber bei Rebecca und ihr ganz allein meinte ich immer eine Sicherheit zu spüren, dass sie für das, was ich einzubringen hatte, dankbar war. Dass sie das brauchte, diesen ganz speziellen Geruch, den Geschmack, den meine Persönlichkeit ausmacht. Den Funken Eigenständigkeit, Sprödigkeit, Ironie, der, so dachte ich, mit meinem So-Sein verbunden war und von dem meine Existenz in diesem Sender abhängig war. Es war bedeutungslos, ob man gute oder schlechte Ware lieferte. Man musste Entscheiderinnen das Gefühl geben, ihrem Programm diese einzigartige Würze zu verleihen. Als sie mich heute ansah und der Blick wieder auf das Papier in ihrer Hand fiel, spürte ich, dass es damit vorbei war. Sie fand mich nicht mehr darin wieder, wie sollte sie auch. Ich fand mich ja selbst nicht mehr in dem, was ich schrieb. Jetzt war es also offenbar an die Oberfläche durchgedrungen, man sah es, man spürte es: Meine Zeit war abgelaufen, die spezifische Erhard-Demelius-Note verflogen, der Geschmack zerstäubt, in alle Winde. Was saß ich hier noch rum? Meine bisherige Karriere, die mir immer ein Fliegen auf einer Wolke vorkommen war, die eigentlich gar nicht trägt, war zum Absturz verflucht. Bodenlos. „Vielleicht fragst du einfach mal Chat GPT“, hörte ich zu meinem Erstaunen mich selbst sagen, „da erklärt man dir vielleicht, wie du die beiden Pfade zusammenbringst“.

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