ALLE KAMEN RASCH HERBEIGEEILT. Keiner wusste was zu tun war, ich hingegen schon. Der Fall schien mir einfach, ich wusste um Barbaras Herzschwäche und ihr kurzzeitiger Schwächeanfall war kein Problem, dachte ich. Meine Beschwichtigungen aber verfingen irgendwie nicht. Die Besorgnis, die sich von meinen Erklärungen nicht abhalten ließe, kränkte mich. Ich war der einzige Arzt, um mich herum nur Laien, aber sie ließen sich nicht auf meine Erklärungen ein, und das mit Recht, wie sich herausstellte. Meine Diagnose war augenscheinlich falsch. Es war nicht Barbaras Herzflimmern, das sich da vorübergehend eingestellt hatte, sondern etwas abgrundtief Bedrohliches, das von ihr Besitz nahm. Ich war ratlos. Ich kannte diese Symptome, das jähe sich Verfärben der Zunge, das Augenrollen, aber mir fiel nicht mehr ein, aus welchem Zusammenhang. Ich war gelähmt. Jähe Laute kamen aus ihr, wie man sie aus Filmen über Exorzismus kennt. Man betrachtete mich, gerade hatte ich mich noch als Autorität aufgespielt, nun fiel ich in mich zusammen. Ich war das Böse in Person. Auch dass sie ihre Medikamente schon länger nicht mehr genommen hatte, es mir jedenfalls nicht aufgefallen war, rächte sich nun. Ich schwieg. Fing Blicke tiefen Misstrauens auf, spürte die Ablehnung der Gruppe, Ingrids Häme war mit Händen zu greifen. Barbaras Atem verströmte einen Geruch von Bitterkeit gemischt mit Honigsüße. Im Studium waren wir auf derartige Fälle x mal vorbereitet worden, jetzt versagte ich. Mein Blick wanderte zu Andrea, der aus meiner Sicht noch am ehesten der medizinischen Herausforderung Gewachsenen. Sie sah mich nicht an, war ganz auf Barbara fixiert. „Er ist gar kein Arzt, er tut nur so“ hörte ich jemanden sagen, ich wagte nicht, mich umzudrehen, ehe Irenäus, ausgerechnet der linkische Irenäus mich wegdrängte, Barbaras Kopf nahm, wild schwenkte und sie langsam wieder zu Bewusstsein brachte. Es kam uns allen vor wie eine Wunderheilung, kein langsames Erwachen, sondern ein plötzliches Wieder-alles-beim-Alten sein. „Wunderbar hast du das gemacht“, meinte sie zu mir. „Ich habe gar nichts gespürt“. Wir sannen betreten um den Sinn dieser Worte, die keinen rechten Sinn machten, aber Irenäus wusste, woher auch immer, dass die ersten zehn Sekunden nach dieser Intervention Patienten Zusammenhangloses sagen würden. Irenäus sprach danach kein Wort mehr mit mir, Ingrid aber auch nicht. Eigentlich niemand. Einzig Barbara verharrte in der Illusion, ich hätte ihr das Leben gerettet und umarmte mich. Mein Blick fiel auf den Wald hinter ihr, ein Reh trat auf die Lichtung, ich wünschte mich weg von hier, was hatte ich mich auf diese Notfallübung eingelassen, was war ich leichtsinnig der Meinung gewesen, ich könnte diese Gruppe leiten. Es war ein letztes Mal gewesen, ein letztes Aufbäumen des Mediziners in mir. Ich musste mein Leben ändern.
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