Writing Workshop at Lisbon Congress

DER MORGEN BEGANN MIT STARKEM REGEN. erklingt es aus dem Radio. Wer sich solche schwachsinnigen Texte ausdenkt. Er dreht ab. Wieso hatte er überhaupt seine Tagesregel durchbrochen, sich mit elektronischem Grundrauschen abzulenken. Er hat sich doch vorgenommen, den Weg der inneren Gesundung zu gehen. Den Kontakt zu digitalen Medien auf ein Minimum verringern oder ganz vermeiden. Sich der Welt hingeben, wie sie wirklich ist. Dem Blick aus dem Fenster, hingegeben dem sanften Sich Wiegen der Birke und der Akeleien auf der anderen Seite des Zauns. Nun, zufällig startet dieser Morgen wirklich mit heftigem Regen, da hat die Stimme aus dem Radio schon recht, aber er wollte doch immun sein gegen die Stimmen aus dem Limbus, diese an seinen Nerven zerrenden und fetzenden Appelle der Öffentlichkeit, die ihn immer nur auf Abwege gebracht hat. Wann wird es endlich gelingen, zu sich zu kommen. Sich als Seele zu begreifen, als Wesen auf diesem Erdball, das eine Mission zu vollbringen hat. Die spürt er, so wie Onkel Ernst ihm das vorgemacht hat, der Onkel, den er nie gekannt, der aber Afrika mit seiner Unerschütterlichkeit des Glaubens zu einem besseren Ort gemacht hat. Gemessen an Ernsts unermüdlichem Einsatz fürs Gute im Menschen ist sein Leben in abenteuerlicher Belanglosigkeit verlaufen, in einem Säurebad verlogener Medien und billiger Unterhaltung, schlechtem Essen und schlechtem Umgang. Lächerlichen Sportberichten. Dazu war er nicht auf der Welt, und seit der Sache mit seinem Befund war keine Zeit mehr zu verlieren, sich aufs Wesentliche zu beschränken. Auf jene Kräfte in sich, die dem Guten zugewandt waren, der Birke, der Akelei. Den Sonnenstrahlen, dem Positiven, dem Licht, das sich heute leider nicht zeigt. Ernst, das entnimmt man seinem Tagebuch, konnte Wochen mir sich allein verbringen, aber auch Tagelang in Waisenhäusern sein Bestes geben. Ja, das war das Beste, was man der Welt geben konnte, aber davon hat er noch nichts beigesteuert. Abgelenkt von seiner Gefallsucht, obwohl es an ihm nichts Gefälliges gab, seiner Besserwisserei, obwohl niemand über sein Nichtwissen besser Bescheid wusste als er, seiner Zerstreutheit. Wenn es wenigstens zum Exzess gereicht hätte, zum Rausch, der Ekstase. Aber die Frauen, von denen er sich jedesmal zu spät zu lösen in der Lage gewesen hatten, mochten sich auf Derartiges bei ihm nicht einlassen, dafür umso lieber bei jenen, die nach ihm kamen. Gut. Ernst war auch ein Schwerenöter gewesen, aber man konnte die frauen verstehen, die für diesen schönen Einzelgänger schwärmten, man konnte auch die verstehen, die für ihn, Emanuel, nichts übrig hatten. Es gab nichts anderes als den Weg in die innere Einsamkeit, zu sich, ins Innere der Seele. Das scheint auch die Stimme aus dem Radio zu sagen, das jetzt aus rätselhaften Gründen doch schon wieder läuft, wann hat er das angemacht? Das innere der Seele hat er bisher immer noch am Besten am Grund einer Wodkaflasche gefunden, eine letzte hat er noch, bevor sie nicht leer ist, hat es keinen Sinn, sich wirklich auf sich selbst einzulassen, ehe er sie wegkippt, landet das Zeug am besten doch in ihm selbst.

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