Writing Workshop at Lisbon Congress

Es hatte mitten im April überraschenderweise noch einmal geschneit. Ein dicker, nasser, schwerer Schnee, der die Kinderherzen höher schlagen ließ und bei den Erwachsenen eher Genervtheit angesichts matschiger Straßen und schlechter Sicht auslöste. Der Schlittenhang lag geschützt hinter dem Spielplatz in unserem kleinen Dorf und die Kinder spielten dort oft ohne Beaufsichtigung, denn hier kannte jeder jeden und man kümmerte sich umeinander. Dort passierte das Unglück, was hinterher niemand so recht verstehen konnte. Finn und Tom fuhren Schlitten und begannen dann einen Schneemann zu bauen. Wie genau es passierte, blieb unklar. Finn bemerkte nach einiger Zeit, dass Tom auf der Wiese lag. Erst dachte er, Tom ruhe sich aus, aber nach einer Weile ging er runter zu ihm hin. Tom lag unter einer großen Schneekugel und hatte Mühe, zu atmen. Finns Versuche, ihn vom Schnee zu befreien, scheiterten. Also entschloss er sich, Hilfe zu holen. Aber bis ihn seine Beine den Berg hinauf trugen und er Toms Mutter erreichte, verging eine Zeit. Zu lange, um Tom noch zu retten. Eva und die herbeigerufenen Notärzte versuchten alles, um ihn zu reanimieren, aber das Gewicht des Schnees hatte seine Lunge so zerdrückt, dass er am Erbrochenen erstickt war. Was für eine Tragödie, ein völlig sinnloses, unerwartetes Unglück, mit dem niemand gerechnet hatte. Wie konnte so etwas passieren? Die Wucht der Schuldfrage waberte durch das Dorf und machte vor niemandem halt. Filiz Dogan, German Psychoanalytical Association; Karl Abraham Institute Berlin Am ersten April zog eine kleine alte Frau in die Wohnung nebenan. Ich wusste ohne nachzählen zu müssen, dass sie die vierte Mieterin ist, die in die Wohnung gegenüber einzog, seit ich hier wohne. Seit 12 jahren habe ich die Wohnung im Erdgeschoß, die eigentlich nur für den Übergang sein sollte, als ich aus meinem Auslandsjahr wiederkam und bei meiner besten Freundin unterkam, aber es mir da schnell zu viel wurde. Es war dann die erste Wohnung , die ich mir ansah - ich habe sie genommen, obwohl ich immer dachte, ich würde nie ins Erdgeschoss ziehen. Die kleine alte Frau kam als letzte an, erst nachdem alle ihre Habseligkeiten in der Wohnung waren, sie kam mit zwei jungen Männern, vielleicht ihre Enkel. Ich dachte, sie ist eine, die auch nie im Erdgeschoß wohnen wollte, aber - wie Frau W., die Mieterin vor ihr, die vielen Treppen nicht mehr gehen konnte. Roland Zag AM ERSTEN APRIL ZOG EINE KLEINE ALTE FRAU IN DIE WOHNUNG NEBENAN. Seltsam, dachte ich, den Auszug der vorherigen Mieter hatte ich gar nicht registriert. Ich war, ehrlich gesagt, ein klein wenig enttäuscht, hatte ich doch gemeint, mit der halbwüchsigen Tochter, der ich in Mathematik geholfen hatte, eine persönliche Beziehung aufgebaut zu haben. Nun war sie weg, die ganze schreckliche Familie,

28

Made with FlippingBook Annual report maker