Writing Workshop at Lisbon Congress

Ihre Aufmerksamkeit wurde auf ein Stück Papier auf dem Schreibtisch gelenkt. Es war rot und mit einem schwarzen Filzstift beschrieben. Das war ungewöhnlich. Wer hatte es dahin gelegt? Ein Duft nach frisch gebackenem Kuchen aus der Bäckerei unter ihrem Büro zog durch das offene Fenster und lenkte sie einen Moment ab. Sinnend starrte sie einen Augenblick ins Leere bevor sie den Bogen ergriff und die Brille zurechtrückte. Die Schrift war klein und etwas unleserlich. „Wen du das liest, bin ich weg. Such mich nicht, es ist zwecklos. Manuel.“ Manuel? Was hatte das zu bedeuten und wie kam er in ihr Büro, vorbei an der Sekretärin, die wie ein Zerberus wachte und nur ausgewählte Leute, die angemeldet waren, hinein ließ. Sie ließ den Bogen sinken, nahm die Brille ab und starrte wieder ins Nirgendwo, als könnte sie dort etwas finden. Was sollte das heißen: Wenn du das liest, bin ich weg. Geschrieben in der für ihn typischen mangelhaften Orthografie. Wollte er sie verlassen, die Affäre beenden, sie bloßstellen? So eine Nachricht, ohne Umschlag, unverschlossen auf ihren Schreibtisch zu platzieren, so dass jede Putzfrau, ihre Sekretärin oder auch neugierige Besucher sie lesen konnten. Sie schloss die Augen und spürte wie ein stechender Schmerz in ihr aufstiegt. Der Mann verließ sie, ließ sie zurück, wie einen weggeworfenen dreckigen Lumpen, den man entsorgte. Wut folgte dem Schmerz. Rot wie das Papier. Der Schmerz hielt schwarz dagegen. Schwarz wie die Nachricht. Sie spürte, dass Tränen über ihr Gesicht liefen und sie hörte sich schluchzen. War sie das, die da weinte? Das konnte nicht sein, sie weinte nicht. Und doch, flossen da nicht die wimperntuschenschwarz gefärbten Sturzbäche auf ihre reinweiße Seidenbluse. Das konnte, nein durfte nicht sein. Gleich würde sich die Tür öffnen, Manuel würde lachend auftauchen und sie in die Arme nehmen. Sie würde seinen Duft einatmen und ihm durch die schwarzen Locken streichen und er, er würde sie küssen und all die zärtlichen Worte ins Ohr flüstern, die sie so gerne hörte. Während die Tränen weiter flossen, versank sie tiefer in die sehnsuchtsvollen Bilder, als es klopfte. Her attention was drawn to a piece of paper on the table. It was red and written on with a black felt-tip pen. That was unusual. Who had put it there? The smell of freshly baked cake from the bakery below her office wafted through the open window and distracted her for a moment. She stared pensively into space for a moment before picking up the sheet of paper and adjusting her glasses. The writing was small and somewhat illegible.

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