Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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schon differenziert und Kognition, Urteilsfähigkeit und Identifizierung erworben hat. Auch die Objektkonstanz ist bereits entwickelt. Die von Mahler et al. (1975) beschriebene symbiotische Entwicklungsphase und die Subphase des Übens wurden erfolgreich bewältigt und von der Phase der Separation-Individuation abgelöst. Die Mutter existiert als eine vom Kind getrennte Person; ihre von Wohlwollen und Nachsicht geprägte Freude am Kind wurde von diesem internalisiert. Unter diesen Umständen beginnt auch die psychische Struktur des Über-Ichs aufzutauchen. Der heute weit verbreitete japanische Erziehungsstil scheint diese Sichtweise zu bestätigen. Grenzenlose mütterliche Aufmerksamkeit, non-verbale Responsivität sowie körperliche und emotionale Nähe werden dem Kind gewährt, damit es die symbiotische Phase und die Phase der Separation-Individuation erfolgreich durchlaufen kann. Sowohl die Säuglingsforschung (Stern, 1985) als auch die Selbstpsychologie befürworten einen solchen Betreuungsstil, weil er die Entwicklung fördert und einem sicheren Selbstgefühl zuträglich ist. Gemäß Gertrude und Rubin Blancks (1994) schematischer Darstellung des Entwicklungsverlaufs ginge amae aus dem Prozess der Neutralisierung des Aggressionstriebs hervor. Diese Neutralisierung der Aggression unterstützt die aktive Entwicklung von Separation und Individuation. Beginnend mit der Sauberkeitserziehung und der Fähigkeit, die Körperfunktionen sowie die phallisch assertiven individuellen Äußerungen zu kontrollieren, wirkt die Über-Ich- Entwicklung mäßigend auf den Aggressionstrieb ein. Im Gegensatz zu diesem für westliche Gesellschaften typischen Szenarium werden Sauberkeitserziehung und Verhaltensdisziplinierung japanischer Kinder von ständiger liebevoller Aufmerksamkeit und Fürsorge begleitet. Ihnen werden Beispiele vor Augen gehalten, und sie werden ermutigt und an ihre Ausscheidungsbedürfnisse erinnert. Diese Methoden fördern die Identifizierung des Kindes mit seinen Bezugspersonen, indem sie den Aggressionstrieb dämpfen und individuelle Bedürfnisse zugunsten der Anpassung an äußere Erwartungen hintanstellen, das heißt, auf einem anderen Weg zur Über-Ich-Bildung gelangen. Gleichwohl sind die zunehmend komplexen und häufig restriktiven äußeren Regeln, Rollenvorschriften und die Forderung nach Harmonie, Gehorsam usw. kulturelle Werte, die dem Kind ein hohes Maß an Anpassung abverlangen und seine noch schwache Psyche einem erheblichen Stress aussetzen. Beschämung durch äußere Verurteilung und der angedrohte Entzug liebevoller Verbundenheit können eingesetzt werden, um die Erfüllung der Über-Ich- Anforderungen und den Verzicht auf individuelle Bedürfnisbefriedigung zu unterstützen. Im Rahmen dieser konflikthaften Verhandlungen der Über-Ich- und Es- Anforderungen kann das Kind auf die Wiederannäherungsphase regredieren, in der es vorübergehende Beruhigung und Bestätigung in der symbiotischen Nähe zur Mutter sucht, bevor es seinen eigenen, getrennten Weg einschlägt. Sowohl Akhtar (2009) als auch Freeman (1998) erläutern den Aspekt des emotionalen Wiederauftankens, den auch das amae- Konzept enthält. Freemans Beschreibung von amae als

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