Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Loewalds (1960) klinischer Konzeptualisierung des „Analytikers als transformierendes Objekt“ zum Ausdruck, „das die Synthese neuer Möglichkeiten, Objektbeziehungen zu erleben, fördert“ (Stolorow 1978, S. 317). In seiner methodologischen Revision der ich-psychologischen Entwicklungstheorie führte Loewald die psychische Struktur der Triebe auf die Interaktion des Säuglings mit seiner menschlichen Umwelt (Mutter) zurück (Loewald 1978a, 1978b, 1980). Indem er die Triebe als eine Hervorbringung der Interaktion betrachtete, erweiterte Loewald Jacobsons These von den Trieben als Bindeglied zwischem dem Selbst des Säuglings und seinen Objekten. Er identifizierte die Interaktion als den entscheidenden Aspekt bei der Internalisierung der subjektiven Repräsentation des Selbst und der Anderen und betonte die Interaktion als Grundbaustein der Psyche . Ebenso wie Winnicott in Großbritannien können in den USA Loewald und Jacobson als Vorläufer der Intersubjektivitätsbewegung gelten. Einige Autoren (Schwartz 2012) verstehen das explosionsartige Aufkommen der Intersubjektivität in den 1980er Jahren als eine Weiterführung der Entwicklungen, die sich mindestens seit den 1950er Jahren in der Psychoanalyse vollzogen, als Heimann und andere frühe Kleinianer sowie Racker und auf ihre je eigene Weise auch Ferenczi und Balint die Aufmerksamkeit auf die Gegenübertragung als zentrales Element der klinischen Psychoanalyse lenkten. In diesem Kontext betrachtet, wäre der intersubjektive Ansatz eine von mehreren Folgeerscheinungen dieser Entwicklung. Von besonderer Relevanz ist diese Entwicklungslinie für die Intersubjektivität der zeitgenössischen relationalen Theorien und, wenngleich auf andere Weise, für die Theorien der unbewussten Kommunikation in nordamerikanischen post-kleinianischen und post-bionianischen Schulen (s. unten). Gleichwohl galt Kleins Fokussierung auf innerlich erzeugte Phantasien, die das Seelenleben aller Menschen, das des Patienten ebenso wie das des Analytikers, lebenslang beherrschen, manchen Ich-Psychologen, aber auch vielen Intersubjektivisten in den USA als defizitär, weil sie die große Bedeutung der äußeren Umwelt nicht anerkennt. Die aus der französischen Psychoanalyse stammenden, für die Intersubjektivität relevanten Konzepte wurden infolge der Übersetzungsschwierigkeiten erst mit Verzögerung zur Kenntnis genommen. Doch auch später noch beurteilten die US-amerikanischen Intersubjektivisten das französische Denken oft als strittig, und zwar mit der Begründung, dass es die „Reifizierung“ des Unbewussten weiter vorantreibe. Mit Einschränkungen aber fand es in der breiteren psychoanalytischen Community der USA in Verbindung mit einem besseren Verständnis der intersubjektiven Konstruktion der Triebe Anerkennung. Seit den 1990er Jahren konnten Wilfred Bions intersubjektiv relevante Konzeptualisierung der „projektiven Identifizierung“ und des „Containment“ (siehe Einträge CONTAINMENT und PROJEKTIVE IDENTIFIZIERUNG) sowie Ogdens analytisches „Drittes“ in den USA zunehmend Fuß fassen, vor allem an der Westküste (Los Angeles, San Francisco, Seattle), wo Bion in seinen späteren Lebensjahren

99

Made with FlippingBook - Online magazine maker