Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Psychologie; sie endet 1937; die vierte Phase fällt mit den einflussreichen Publikationen Anna Freuds (1936), Erik H. Eriksons (1937), Karen Horneys (1937), Heinz Hartmanns (1939/1964), Abram Kardiners (1939) und H. S. Sullivans (1940) in eins; in dieser Phase formulierte Hartmann seine spezifische Version der Ich- Psychologie mitsamt seinen Konzepten des angeborenen (noch nicht konflikthaften) Ich-Funktionierens und der Autonomie des Ichs. Die maßgeblichen Texte der (nordamerikanischen) Ich-Psychologie wurden zwar in Frankreich, Italien und Deutschland übersetzt und veröffentlicht, doch insgesamt gesehen überlebte die Ich-Psychologie in Europa nicht nur in der Form, in die sie von Heinz Hartmann und seinen Mitarbeitern gegossen wurde, sondern vor allem in Gestalt einer ganzen Reihe eigenständiger Beiträge , die unten, im Abschnitt über Europa, im Einzelnen erläutert werden. Die lateinamerikanische Perspektive: Lateinamerika hat der Ich-Psychologie im Großen und Ganzen keine Gerechtigkeit widerfahren lassen. Mexiko ist das einzige lateinamerikanische Land, in dem psychoanalytische Institute die Ich-Psychologie in ihrem Curriculum aufführen. In anderen lateinamerikanischen Ländern, etwa Kolumbien, Argentinien, Chile, Venezuela, Peru und Brasilien, wird während der gesamten psychoanalytischen Ausbildung kein einziges Seminar speziell zur Ich-Psychologie angeboten. Vermutlich infolge des Einflusses von Melanie Klein, aber auch Jacques Lacans sieht man die ich-psychologische Theorie in allzu großer Nähe zum kognitiven Behaviorismus und spricht ihr die libidinösen Aspekte ebenso ab wie die Subjektivität. Cecilio Paniagua (2014) vertritt die These, dass viele seiner Kolleginnen und Kollegen in Lateinamerika die Entwicklung der Ich-Psychologie seit Hartmann ebenso wenig kennen wie moderne Modelle, die in Nordamerika weitverbreitet sind; eine solche Unkenntnis führt, so Paniagua, zu Voreingenommenheit und zu der Kritik, dass die Ich-Psychologie überflüssig und oberflächlich sei und die Bedeutsamkeit der Triebe und der unbewussten Phantasie bagatellisiere. Pereira et al. (2007) und Arbiser (2003) stellen ebenfalls Spekulationen über mögliche soziokulturelle und politische Einflüsse an und nehmen eine starke regionale Theorienpräferenz für europäische Autoren zu Lasten nordamerikanischer wahr, die einen maßgeblichen Einfluss auf die Rezeption der Ich-Psychologie auszuüben scheint. Gleichwohl gehören Hartmann, Kris, Loewenstein, Jacobson und Anna Freud zum Kerncurriculum mexikanischer psychoanalytischer Institute. Hier erwartet man, dass Kandidaten Eriksons epigenetische Stufen des Lebenszyklus und Anna Freuds „Das Ich und die Abwehrmechanismen“ bereits während ihres Universitätsstudiums kennengelernt haben. Die geographische Nähe zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten sowie die Möglichkeit, in den USA zu studieren, mag eine Rolle spielen. Ein

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