Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Beispiel ist sicherlich Ramón Parres, einer der Gründer der mexikanischen psychoanalytischen Gesellschaft (Asociación Psicoanalítica Mexicana APM), der in den Vereinigen Staaten Psychiatrie studierte und anschließend seine psychoanalytische Ausbildung absolvierte. In seinem Buch „El Psicoanálisis como Ciencia” (Parres 1977) beschreibt er verschiedene Abwehrmechanismen, die Übertragung sowie den Einfluss der unbewussten auf die bewussten Prozesse unter einem ich-psychologischen Blickwinkel. Während die Ich-Psychologie an psychoanalytischen Instituten außerhalb Mexikos nicht gelehrt wird, sind ich-psychologische Konzepte wie die Fallgeschichte, psychodynamische-entwicklungsgeschichtliche Beurteilung, Abwehrmechanismen, Widerstände, therapeutisches Bündnis oder analytisches Setting in der lateinamerikanischen psychoanalytischen Praxis allgemein gebräuchlich, ohne dass man ihre Herkunft aus der Ich-Psychologie ausdrücklich anerkennt.

III. GESCHICHTE UND ENTWICKLUNG DER ICH-PSYCHOLOGIE

III. A. WURZELN BEI SIGMUND FREUD Wenngleich sich Vorläufer der Ich-Psychologie schon in Freuds früheren Schriften finden (1950c [1895], 1900a, 1911b, 1914c, 1915c, 1915d, 1916-17f, 1916- 17g, 1921c), sind seine relevantesten Beiträge zur Ich-Psychologie doch „Das Ich und das Es“ (1923b) und „Hemmung, Symptom und Angst“ (1926d), zwei Arbeiten, die für eine natürliche Weiterentwicklung seines Werkes stehen. Vor 1923 hatte die topische Theorie auf die Beziehung psychischer Inhalte zum System Bw und zum System Ubw mit ihren je spezifischen Eigenschaften fokussiert. Nach und nach nahm Freud die Disparität zwischen der klinischen Arbeit und der Theorie schärfer wahr: In der klinischen Praxis konnten Aspekte des Ichs (Abwehr und Schuldgefühle) unbewusst und Abkömmlinge des Unbewussten im bewussten Funktionieren zu finden sein; die topische Theorie aber lokalisierte den Inhalt (wie auch die Prozesse) im selben System Ubw oder in den Systemen Vbw (Vorbewusst) und Bw (Gill 1963; Waelder 1960). Diese klinischen Beobachtungen unterstrichen die Notwendigkeit theoretischer Anpassungen, die Freud mit der Einführung seiner Strukturtheorie vornahm, derzufolge die Psyche aus drei Instanzen/Strukturen – Es, Ich und Über-Ich – besteht, die sich nicht durch den Zugang ins Bewusstsein, sondern durch stabile Ensembles von Funktionen und Motiven voneinander unterscheiden. Die Strukturtheorie definierte das Ich als eine kohärente Organisation von Prozessen wie Kontrolle der Abfuhr, Zensor und Abwehrmechanismen sowie Denken und Realitätsprüfung, die sich in dem Bereich zwischen der durchlässigen Grenzen des Vorbewussten bis zur durchlässigen Grenze

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