Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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in der Psychose im Zusammenhang mit Derealisation und Depersonalisation nach und nach verlorengehen, d.h., dass die narzisstische Besetzung des Ichs zurückgenommen wird. Dies geschieht nicht nur, wenn die Entfremdung die Gefühle des Subjekts selbst betreffen, sondern auch, wenn sie im Verhältnis zur Welt der Objekte eintritt (Jacobson 1954). Ebenfalls in Wien beschrieb Hermann Nunberg (1931) die synthetische Funktion des Ichs . Später, in New York, untersuchte er die Konzepte der Ich-Stärke und der Ich-Schwäche (Nunberg 1941). In Zusammenarbeit mit Ernst Federn, dem jüngsten Sohn Paul Federns, gab er die „Protokolle der Wiener psychoanalytischen Vereinigung“ heraus (Nunberg und Federn 1962-1975). Seine Vorlesungen am Wiener Psychoanalytischen Institut wurden mit einem Vorwort aus Freuds Feder veröffentlicht (Nunberg 1932 /1971). Wilhelm Reich (1925; 1933/1945) erforschte den Beitrag chronischer Veränderungen des Ichs zur Charakterentwicklung. Anna Freud (1936/ 1978), Wien, systematisierte die Abwehraktivitäten des Ichs in ihrem Buch „Das Ich und die Abwehrmechanismen“. In London widmete sie sich später intensiv der Erforschung der normalen und pathologischen Ich- Entwicklung (1965). Sie stand in engem Kontakt zu den psychoanalytischen Entwicklungen in Nordamerika. Robert Waelder (1936a) arbeitete über die Rolle des Ichs im Konflikt und konzipierte Freuds frühes Prinzip der Überdeterminierung im Sinne der Strukturtheorie / Ich-Psychologie als Prinzip der mehrfachen Funktion . Jeder psychische Akt ist demnach ein Kompromiss, den das Ich in Raktion auf die mannigfaltigen konfligierenden Anforderungen des Es, des Über-Ichs, der Realität und des Wiederholungszwangs herstellt. In England führte Edward Glover (1943) das Konzept der Ich-Kerne ein. Spuren von Erinnerungen an Erfahrungen werden zu einem zusammenhängenden Ganzen miteinander verbunden. Franz Alexander (1933), der seine Ausbildung am Berliner Institut absolviert hatte, wurde zu einem führenden Repräsentanten der „Chicagoer Schule“ und der psychosomatischen Medizin. Er schrieb über zahlreiche verschiedene Gegenstände, u.a. über facettenreiche Beziehungen und über die wechselseitige Beeinflussung zwischen strukturellen und Triebkonflikten. Otto Fenichel (1938, 1941c, 1945), Grenzgänger zwischen Wien, Prag, Chicago, Los Angeles und New York, international renommierter Enzyklopädist der psychoanalytischen Theorie und Technik seiner Zeit, schrieb in einem laufenden „kontroversen Dialog“ mit Franz Alexander: „Jeder Triebkonflikt ist stets auch ein struktureller Konflikt; einer der widerstreitenden Triebe repräsentiert das Ich [oder] wird im Dienste der Ich-Abwehr gestärkt“ (Fenichel 1945, S. 130). Es war Fenichel,

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