Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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III. ENTWICKLUNGEN SPEZIFISCHER PERSPEKTIVEN

III. A. Spezifische Perspektiven in Nordamerika: vorwiegend USA In den USA versteht man unter Intersubjektivität als psychoanalytischer Orientierung eine Theorie, mit der sich die Einflüsse, die auf zwischenmenschliche Beziehungen einwirken, erklären lassen. Der Begriff wird in der Säuglings- und Kleinkindentwicklung angewandt (Trevarthen, Stern), um die wechselseitig koordinierte, ko-kreierte Reaktivität und Responsivität in der Interaktion von Bezugsperson und Säugling zu erklären, die der Entwicklung des Kindes zuträglich ist (Beebe, Lachmann). Er wird auch benutzt, um das Zusammenspiel der Subjektivitäten von Analytiker und Analysand zu erklären. In diesem Zusammenhang verwendet, verschiebt „Intersubjektivität“ die traditionelle Betonung von Übertragung und Gegenübertragung auf einen erweiterten Ausdruck des subjektiven Erlebens des Analytikers, der eine „stärker reziproke (wenngleich weiterhin asymmetrische) Subjekt-Subjekt-Intimität erzeugt“ (Lichtenberg, Lachmann und Fosshage 2016, S. 86f.). Der Begriff wurde zudem verwendet, um das Auftauchen eines „Dritten“ in psychoanalytischen Beziehungen (Benjamin) bzw. in jeder intimen Dyade oder Gruppe (Lichtenberg) zu erklären, d.h. eine charakteristische Atmosphäre [ambiance] und besondere Art und Weise des Handelns und Seins, die mehr oder anders ist als die Subjektivität der beteiligten Individuen. Angelehnt an die Philosophie insbesondere Husserls führte Robert D. Stolorow die Intersubjektivität in die Selbstpsychologie ein. Stolorows Begriffsverwendung steht in einem diametralen Gegensatz zu dem von ihm selbst so genannten „cartesianischen Mythos des isolierten Geistes“. Die Intersubjektivität als vorherrschende Perspektive ersetzt die traditionelle starke Gewichtung intrapsychischer Prozesse, die für Freuds duale Triebtheorie und später für die Ich- Psychologie charakteristisch war. Unterschiedliche Verwendungen des Begriffs Intersubjektivität wurden auch in die relationalen Theorien integriert, die sich von Sullivans Theorie interpersonaler Beziehungen und von den Feldtheorien herleiten. In der relationalen Theorie wird die Intersubjektivität als die Matrix betrachtet, aus der die gesamte Kommunikation und jeder Austausch hervorgehen – in Dyaden, Familien, Gruppen und Kulturen. In einem weniger allgemein verstandenen Sinn erklärt Intersubjektivität die splitsekündlichen Veränderungen der Affekte, Intentionen und Ziele von Individuen in einer dyadischen Beziehung. Intersubjektivität spielt auch eine Rolle für die Fähigkeit, empathisch mitzufühlen (Kohut) und Andere zu mentalisieren (Fonagy). In ihrer Anwendung in den relationalen, den Selbst- und den Feldtheorien sind intersubjektive Erklärungsansätze eher erfahrungsnah. Sie stehen darüber hinaus in engem Zusammenhang mit den Konzepten der Phänomenologen. Angewandt im Kontext der modernen Ich-Psychologie oder post-bionischer Orientierungen, gehen intersubjektive Erklärungen zumeist auch mit einer intersubjektiven

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