Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Kontextualisierung der metapsychologischen Ebene des theoretischen Diskurses einher.

III. Aa. Selbstpsychologische Perspektiven Die Selbstpsychologie nahm ihren Anfang mit der Verschiebung der ich- psychologischen Betonung auf einen intrapsychischen Fokus. Diesen Blickwinkel ergänzte Kohut (1971) um die Konzeptualisierung einer spezifischen Beziehung zwischen Selbst und Selbstobjekt. Demnach kann ein Defizit des Selbst, etwa die unzulängliche Angstregulation, durch die umwandelnde Verinnerlichung der vom Objekt erfüllten Funktion ins Selbst aufgehoben werden. Man hat diese Beziehung zwischen einem Selbst, das durch die Aktivität des Selbstobjekts kohäsiv wird, als eine „Eineinhalb-Personen-Psychologie“ bezeichnet. Diese ursprüngliche Konzeptualisierung erfuhr zwei bedeutsame Revisionen. Zum einen rückte eine erfahrungsnahe Theorie an die Stelle der Betonung der Sprache sowie der Konzepte der Strukturtheorie ( Lichtenberg 1975, 1979, 1992). Indem die Selbstpsychologie sich dem Selbstgefühl, der Objektwahrnehmung und einer belebenden, Kohäsion stiftenden Selbstobjekterfahrung zuwandte, knüpfte sie an die Subjektivität der Intersubjektivität an. Die zweite weit reichende Revision war Stolorows (1997) Konzeptualisierung der Intersubjektivität. Mit Anleihen bei der Philosophie, vor allem bei Husserl, führte Stolorow die Intersubjektivität als ein allgemeines Prinzip ein, das für die menschliche Bezogenheit unverzichtbar und ihr inhärent ist. Die gesamte Entwicklung vollzieht sich demnach innerhalb eines intersubjektiven Feldes , eines Schnittbereichs individueller Subjektivitäten. In ihrer allgemeinsten Formulierung „bezeichnet Intersubjektivität weder einen Erfahrungsmodus noch ein gemeinsames Teilen von Erfahrung, sondern vielmehr die kontextuelle Voraussetzung dafür, dass man Erfahrungen überhaupt machen kann“ (Stolorow 2013, S. 385). Die Säuglingsforschung (Beebe & Lachmann 2002) und die entwicklungspsychologischen Theorien bestätigen, dass die intersubjektiven Interaktionen zwischen der Bezugsperson und ihrem Säugling das Muster und die Tönung der Bezogenheit vorgeben. Weniger allgemein formuliert, dient Intersubjektivität als Erklärung der splitsekündlichen Veränderungen der Affekte, Intentionen und Ziele beider Individuen in einer dyadische, triadischen oder Gruppenbeziehung. In der analytischen Therapie erklärt die Intersubjektivität das Zusammenspiel der Subjektivitäten von Analytiker und Analysand. Mit ihr verschiebt sich die traditionelle Betonung der Übertragung und Gegenübertragung auf einen erweiterten Ausdruck des subjektiven Erlebens des Analytikers. Diese Neudefinition seiner Rolle in der dyadischen Beziehung erzeugt eine „stärker reziproke (wenngleich weiterhin asymmetrische) Subjekt-Subjekt-Intimität“ (Lichtenberg, Lachmann und Fosshage

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