Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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2016, S. 86f.). Unter der Subjektivität in der Intersubjektivität versteht man das Gewahrsein, welches das Individuum von seinen Affekten, Intentionen, Zielen, Perspektiven und seinen Gedanken über sich selbst und andere hat. Zudem beruht die Intimität zweier Subjekte, wie sowohl die Selbstpsychologie als auch die Bindungstheorie betonen, auf der Fähigkeit beider Beteiligter, sich in den inneren Zustand, den Blickwinkel und die Bestrebungen des Anderen hineinzuversetzen (Empathie, vgl. Kohut 1971, und zu mentalisieren, vgl. Fonagy, Gergely, Jurist und Target 2002). Gleichzeitig ist sie für diese Fähigkeit unabdingbar. Die Intersubjektivität hilft nicht nur, die empathische Wahrnehmung, sondern auch drei weitere für die Selbstpsychologie zentrale Konzepte zu erklären: die Fokussierung auf adaptive Strebungen, die Unterbrechungs-Wiederherstellungssequenzen und die Atmosphäre, die sich im Feld entwickelt. Die Selbstpsychologie setzt bei der Untersuchung der Entwicklungen, die sich im intersubjektiven analytischen Feld vollziehen, vorzugsweise bei den positiven Strebungen des Patienten an (der „leading edge“), während viele andere relationale Theorien der Deutung fehlangepasster, konfliktbesetzter Strebungen (der following, trailing edge) Vorrang geben. Intersubjektivität leistete einen maßgeblichen Beitrag zur Anerkennung der Signifikanz der Atmosphäre [ ambiance ], des allgemeinen Affektzustandes, der mehr ist als die individuellen Subjektivitäten der beiden Mitglieder einer intimen Dyade. Die Atmosphäre, die sich im intersubjektiven Feld einer laufenden Analyse herausbildet, übt auf den Analytiker wie auf den Analysanden und das Behandlungsergebnis einen tiefgreifenden Einfluss aus. III. Ab. Relationale Perspektiven In der relationalen Perspektive bezeichnet man mit dem Begriff intersubjektiv, der sich häufig überschneidet oder synonym ist mit interpersonal, relational oder bipersonal, die psychischen Erfahrungen, die in einem dyadischen oder einem aus zahlreichen Elementen bestehenden System auftauchen und konstituiert und erlebt werden. Es kann aufschlussreich sein, die Intersubjektivität den intrapsychischen Dimensionen des Erlebens gegenüberzustellen. Das Intrapsychische bezeichnete in der Vergangenheit ein Eine-Person-System, die innere bewusste und unbewusste Erfahrung eines Individuums. Das Konzept des abwechselnd mit dem Intrapsychischen fokussierten Interpersonalen oder Relationalen bezeichnet:

Konzeptuelle Elemente (der Intersubjektivität):

a) Die soziale Dimension individueller Erfahrung; b) Das bipersonale Feld, bestehend aus Unbewusstem, Vorbewusstem und Bewusstem;

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