Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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und die Lösung von Konflikten durch Beschämung vor. All dies sind offenbar Möglichkeiten, sich einer in der Feudalgesellschaft wurzelnden Über-Ich-Bildung anzupassen. In Reaktion auf diese strengen oder anspruchsvollen Über-Ich- Erwartungen stützt sich amae auf nonverbale emotionale Kommunikation und empathisches Entgegenkommen, Duldsamkeit und Nachsicht als notwendige, gegen den Aggressionstrieb oder die Angst vor einem potentiellen Objektverlust gerichtete Abwehr. Als vermittelnder Ich-Mechanismus ermöglicht amae dem Individuum ein persönliches Gefühlsleben und gibt ihm Gelegenheiten, individuelle libidinöse wie auch aggressive menschliche Triebe zu äußern. Amae wurzelt in der Identifizierung mit präverbalen Erfahrungen mit einer nachsichtigen Betreuungsperson, die die emotionale Bedürfnisse und Wünsche des Kindes zu erkennen vermag und empathisch reagiert – vielleicht analog zu Winnicotts (1965) Konzept der für die hinreichend gute Mutter charakteristischen “primären Mütterlichkeit”. Im Übrigen könnte es sich bei Winnicotts Unterscheidung zwischen der Umweltmutter, die Ich- Bezogenheit herstellt (Halten, Zärtlichkeit, Empathie) und der Objekt-Mutter, auf die sich die Es-Strebungen/Triebe richten, um eine unter dem objektbeziehungstheoretischen Blickwinkel formulierte Interpretation von Freuds früher Differenzierung zwischen zärtlichen und sinnlichen Liebesströmungen handeln. Amae - und amaeru -Verhaltenskommunikationen können von vielfältigen Abwehrmechanismen – Verdrängung, Regression und partielle Regression, Ungeschehenmachen, Reaktionsbildung – in Dienst genommen und als “gemeinsam gehütetes Geheimnis” oder sogar als Weg zur Sublimierung eingesetzt werden. Auch unter diesem Blickwinkel der Abwehr und Anpassung impliziert amae sowohl entwicklungspsychologisch als auch auf der Beziehungs- und der Übertragungsebene die Wechselseitigkeit: Hartmanns (1975 [1937]) Konzept des “Zusammenpassens” von Mutter und Kind, Winnicotts (1965) Konzept der “haltenden Umwelt” sowie Bions (1962) “Container-Contained-Konzept”, Kohuts (1971) “Selbstobjekt” und Sterns (1985) Interaffektivität sind hier relevant. Amae- Verhaltensweisen können im gesamten Lebenszyklus auftreten, wann immer die Wünsche und Bedürfnisse des Individuums mit den Auflagen des kulturellen Über- Ichs kollidieren.

VI. SCHLUSSBETRACHTUNG

Amae- Verhaltensweisen und -Einstellungen können nicht lediglich als Ausdruck von Abhängigkeits- oder Anlehnungsbedürfnissen verstanden werden. Sie müssen vielmehr innerhalb komplexer kontextueller Permutationen sowohl der Triebe/Wünsche als auch der Abwehrkonfiguration betrachtet werden. Diese

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