Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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umfassende Sichtweise ist insbesondere für Übertragungsinteraktionen relevant. Das Auftreten von amae in der klinischen Dyade kann die positive Übertragung eines wachsenden Vertrauens zum Behandler und zunehmender Aufrichtigkeit zu erkennen geben und das Arbeitsbündnis stärken. Doi (1989) nimmt sogar an, dass ungeachtet des bewussten Motivs, mit dem sich der Patient in psychoanalytische Behandlung begibt, das zugrundeliegende unbewusste Motiv die amae- Psychologie ist, die irgendwann im Laufe der Zeit zum Dreh- und Angelpunkt der Übertragung wird. Dennoch müssen Kliniker sich des hierarchischen Charakters der Übertragung bewusst sein, der jedes psychoanalytische Setting und vor allem die japanische klinische Situation prägt. Sie müssen nonverbale oder indirekte Äußerungen „positiver“ wie auch „negativer“ amae sensibel wahrnehmen, wenn diese als primäre Bedürfnisse, Triebstrebungen, Abwehrprozesse oder als komplexe entwicklungspsychologische dynamische Konfiguration konzeptualisiert werden. In ähnlicher Weise lässt sich die Gruppenorientierung japanischer Patienten nicht lediglich als ein Fehlen von Grenzen und unzulängliche Individuation verstehen, wie es in der westlichen Kultur vereinfachend gelegentlich geschieht. Obwohl wir die Formulierung des amae- Konzepts dem spezifischen japanischen Kontext verdanken, können wir amae doch auch in unterschiedlicher Ausprägung in anderen Kulturen wahrnehmen. Innerhalb eines gruppenpsychologischen Kontexts steht es in einem komplexen Zusammenhang mit dem Bedürfnis eines getrennten Individuums, in einem bestimmten Gruppensetting zu leben und ihm anzugehören. Entwicklungspsychologisch und klinisch erstreckt sich die innere, interaktive amae- Dynamik über die gesamte Lebensspanne des Individuums (Doi, 1989; Freeman, 1998), auch wenn sich das frühe emotionale Wiederauftanken bei der Mutter, das Containing und das Halten weiterhin in ihr zu erkennen geben. Dois bahnbrechende Beiträge über amae repräsentieren ein regionalspezifisches entwicklungspsychologisches und klinisches japanisches Konzept von globaler Reichweite, welches das theoretische Verständnis und die klinische Sensibilität über geographische Grenzen wie auch über die Grenzen psychoanalytischer Kulturen und individueller Besonderheiten hinweg bereichert.

LITERATUR

Akhtar, S and Kramer, S (1998). The Colors of Childhood: Separation Individuation across Cultural, Ratial and Ethnic Differences. Northvale, NJ: Jason Aronson. Akhtar, S, ed. (2009). Comprehensive Dictionary of Psychoanalysis. London: Karnak.

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